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Visual Trends im Juni: Documentary Reality

Diesen Monat beschäftigen wir uns mit dokumentarischer Fotografie. Wir fragen uns, wie diese unser Verhältnis zum aktuellen Zeitgeschehen und unser Verhältnis zu anderen Menschen prägt. Mit Kameras in nahezu allen Händen und Taschen sind wir quasi allzeit bereit, alle Ereignisse live einzufangen und diese sofort in den sozialen Medien mit anderen zu teilen. Dadurch erwarten wir heute alle einen kontinuierlichen Fluss an Bildern aus dem wahren Leben, die uns jederzeit auf dem Laufenden halten.

Daraus ergeben sich einige spannende Fragen: Wie sind wir dazu gekommen, Fotos als Nachrichtenquelle wahrzunehmen? Wie prägen dokumentarische Bilder unser kollektives Bewusstsein und unsere gemeinsamen moralischen Werte? In welcher Weise beeinflusst die massive Verbreitung dieser Real-Life-Bilder die Entwicklung der Fotografie inklusive der Stockfotografie?

PETER / ADOBE STOCK

Als der Journalismus visuell wurde

Es gab einen einschneidenden technischen Entwicklungsschritt der den Fotojournalismus überhaupt erst ermöglichte: Die 35-Millimeter-Kamera. Die ersten frei erhältlichen 35-mm-Kameras von Leica kamen Mitte der 1920er Jahre auf den Markt. Sie waren klein und handlich genug, um das echte Leben einzufangen, statt nur gestellte Porträts zu produzieren.

Als die Fotografen begannen zu dokumentieren wie Menschen wirklich leben, entstand durch ihre Bilder ein kollektives Verständnis für die aktuellen Ereignisse in der Welt, besonders in Hinblick auf Krisen. Auch während der Großen Depression in den 1930er Jahren und der sogenannten Resettlement Administration unter Präsident Roosevelt in den USA wurde der Einfluss der Bilder auf die öffentliche Meinung deutlich. Die damalige Mitarbeiterin der Agentur Dorothea Lange schoss eines der bekanntesten und herzzerreißendsten Fotos ihrer Zeit: „Migrant Mother“. Die Fotografie aus dem Jahr 1936 zeigt eine Mutter, in deren Gesichtszügen sich die ganze Geschichte ihres Kampfes um das eigene Leben und das ihrer Kinder widerzuspiegeln scheint. Laut Lange hat der Akt des Fotografierens das Potenzial, weit über eine aktuelle Begegnung hinaus zu wirken:

Ich fragte sie nicht nach ihrem Namen oder ihrer Geschichte. Sie verriet mir ihr Alter: 32. Sie hätten sich damals von dem gefrorenen Gemüse der umliegenden Äcker ernährt, und von Vögeln, die die Kinder erlegten. Sie hatte gerade die Reifen ihres Wagens verkauft, um Essen zu kaufen. Sie saß in einem Zelt mit ihren Kindern, die sich um sie kauerten, und irgendwie schien sie zu ahnen, dass meine Bilder ihr helfen würden – also half sie mir. Es war, als stünden wir auf Augenhöhe.

In demselben Jahr noch erschien das Life Magazine, das schon bald zu einem großen Erfolg wurde. Als eine der ersten auf Fotos ausgerichteten Zeitschriften arbeitete Life mit Bildunterschriften und eindrucksvollen Fotografien als eine neue Form des Journalismus. 1943, als das Life Magazine von den Anfängen des Zweiten Weltkriegs berichtete, ging das Magazin gegen das Verbot des US-Verteidigungsministeriums zur Veröffentlichung von Fotos von toten Soldaten vor und gewann den Rechtsstreit. Mit der Veröffentlichung des bis dahin beispiellosen Bildes, welches gefallene Soldaten an einem Strand auf Neuguinea zeigte, veränderte das Magazin nachhaltig die Wahrnehmung der US-Amerikaner in Bezug auf den Krieg.

KANINSTUDIO / ADOBE STOCK

Seitdem hat der Fotojournalismus immer neue weltbewegende Bilder hervorgebracht, die uns an bedeutende historische Ereignisse erinnern. Denken wir heute an den Vietnam-Krieg, sehen wir automatisch Nick Uts Foto „Napalm Girl“ vor uns, für das der Fotograf den Pulitzer-Preis erhielt. Das ebenfalls mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Bild von 1970, auf dem Mary Ann Veccio die Leiche eines Antikriegsdemonstranten an der Kent State University beweint, hat sich wiederum als Sinnbild für die Proteste und gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Heimat der kämpfenden US-Soldaten in unser Gedächtnis gebrannt. Die heutige Krise in Syrien wird womöglich mit dem herzzerbrechenden Foto des dreijährigen syrischen Flüchtlingskinds Aylan Kurdi, der tot an die türkische Küste angespült wurde, in unser kollektives Gedächtnis eingehen.

Ethik und Dokumentation

Mit dem ungeheuren Einfluss des Fotojournalismus auf die öffentliche Meinungsbildung geht aber auch eine große ethische Verantwortung einher. Laut NPR (National Public Radio) zum Beispiel gerieten in den 1980er Jahren die Nichtregierungsorganisationen, die sich für die Verteilung von Lebensmitteln im von Hungersnot betroffenen Osten Afrikas einsetzten, wegen der Bilder, die sie in ihren Kampagnen verwendeten, unter Beschuss. Fotos von hungernden Kindern halfen, Millionen zu sammeln. Es wurde jedoch auch Kritik laut, dass die Menschen auf diesen Fotografien als ohnmächtige Opfer ohne Würde und Handlungsfähigkeit dargestellt werden würden. Statt auf „Armutspornografie“ setzt die jüngste Generation von Fotografie zur Spendensammlung auf tatkräftige und ermutigende Figuren.

Im Gespräch mit dem NPR hat Jennifer Lentfer, die Kommunikationsleiterin der IDEX-Stiftung, eine gute Faustregel für Fotografen vorgeschlagen: „Wenn die Person auf dem Foto Ihr Neffe, Ihr Kind oder Ihre Großmutter wäre, würden Sie sie dann immer noch in dieser öffentlichen Anzeige sehen wollen? Falls die Antwort ‚nein‘ lautet, haben Sie eine Grenze überschritten.“

Unser Hunger nach Realität wird immer größer.

Seit den frühen Anfängen des Fotojournalismus erwarten wir Nachrichten nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen. Heute erstellt und versendet jeder – ob professioneller Fotojournalist oder interessierter Hobbyreporter – Bilder von aktuellen Ereignissen in Echtzeit – von Protesten, über Fälle von Polizeigewalt bis hin zu politischen Ereignissen. Um Redakteuren und Gestaltern dabei zu helfen, den Anschluss nicht zu verlieren, haben wir uns von Adobe Stock mit Reuters und USA TODAY Sports zusammengetan und unseren redaktionellen Bildbestand um Aufnahmen aus den Bereichen Gesellschaft, Sport, Wirtschaft, Unterhaltung und vielem mehr erweitert.

SERGIO MORAES / REUTERS

Unserer Ansicht nach hat der Wandel in der Welt des Bildes durchaus auch einen Einfluss auf die Stockfotografie. Die Leute erwarten authentische Bilder in allen Stilen. Begleitet uns auf unserer Erkundungstour in diesem Monat zum Thema dokumentarische Fotografie und entdeckt mit uns die Bilder der neuen „Adobe Stock Editorial Collection“. Außerdem werden wir Fachleute fragen, was genau eine gelungene Dokumentarfotografie ausmacht. Mehr dazu findet ihr in der Editorial-Collection von Adobe Stock und in unserer eigens dazu eingerichtete Stockbilder-Galerie.

Für noch mehr Informationen:

  • Hier findet ihr weitere Informationen zu der Geschichte hinter Langes Bild „Migrant Mother“.
  • Hier erfahrt ihr mehr über den Kampf von Life Magazine um die Veröffentlichung des Fotos der toten Soldaten als auch über die Entstehung des Bildes.
  • Seht euch auch das Video von Nick Ut an, in dem er den Tag beschreibt, an dem er sein berühmtes Foto „Napalm Girl“ schoss.
  • Mehr zu den Bildern vom Kent-State-Massaker erfahrt ihr hier.
  • Einen gelungenen Überblick über die Geschichte des Fotojournalismus gibt euch die Arbeit von Dr. Ross Collins.

 

 

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