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Low-Budget Mysterie-Thriller “Ingenium”: Workflow-Tipps von Regisseur Steffen Hacker – Teil 2

Über mehrere Jahre hinweg arbeitete Regisseur Steffen Hacker an einem Independent Mystery-Thriller und musste dabei anspruchsvolle Postproduction-Aufgaben lösen. Im zweiten Teil gibt Steffen spannende Insides in seinen Workflow wärend der Postproduktion seines Films.

Ich bin Steffen Hacker, Regisseur des Indie-Mystery-Thrillers “Ingenium”. In diesem zweiten Blogbeitrag möchte ich euch etwas über den Workflow wärend der Postproduktion meines Films mit Adobe After Effects CC und Adobe Premiere Pro CC erzählen.

MorphCut für perfekte und saubere Übergänge

Eines vorneweg: Selbst als erfahrener Nutzer der Adobe-Applikationen, habe ich mir angewöhnt, zunächst auf Updates zu verzichten, wenn ich mich in der Produktion befinde. Generell wurden Adobes Videotools während der Produktion des Films von 2013 bis 2018 immer wieder geupdated. Eine neue Version mit tollen neuen Features klingt zwar immer verlockend, doch jeder Cutter in Langzeitprojekten sollte beherzigen, die finale Projektdatei nicht ohne einen vorigen Test der neusten Version zu übertragen.

Einmal habe ich mich während dieser Zeit jedoch hinreißen lassen, um ein neues Feature auszuprobieren, welches einfach zu verlockend war: Der MorphCut!

Ich hatte eine, vor einem Greenscreen gedrehte, Szene, eine Halbnahe auf Esther Maaß in ihrer Rolle als Felicitas, so nah, dass es keine Chance gab, ihren kompletten Kopf aus einem anderen Take zu nehmen und auf den Körper zu setzen. Ich wollte einfach die Pause vor ihrer großen Reaktion stark verkürzen, um “das Pacing” der Szene zu erhalten. Wie aber kürzt man eine halbe Sekunde raus (die schon den ganzen Unterschied machen kann), ohne dass man erneut einen Gegenschnitt einbaut, der den Zuschauer nur verwirrt?

Der MorphCut in Premiere Pro CC erledigte das, wofür ich in After Effects CC mit Plugins lange hätte rumexperimentieren müssen – zumal der Hintergrund für den Shot durch den Greenscreen völlig irrelevant war und das Ergebnis daher perfekt. Niemandem würde der Morph-Übergang im Gesicht auffallen, wenn man nicht explizit mit dem Wissen darüber hinguckt.

Parallelmontage leichtgemacht

Auf ähnliche Weise wurden schließlich dutzende Szenen im ganzen Film verbessert. Meist resultierten solche Anforderungen aus Kürzungen. Wenn man irgendwann eine Szene auf ihr Minimum runtergekürzt hat, stellt man fest, dass man mit den Takes, die man bisher auf der Timeline benutzt, einfach nicht weiter verdichten kann. Und dann fängt man testweise an, einige Aktionen parallel zu montieren, etwa die Performances von zwei Schauspielern aus der gleichen Kamera, die sich leicht überlappen.

Um diese dann in den gleichen Take zu kriegen, musste ich mit After Effects CC einen der beiden Takes komplett stabilisieren. Was früher noch richtig viel Aufwand war, ist heutzutage mit dem Warp Stabilizer und seiner NO CAMERA MOVEMENT-Funktion ein Kinderspiel.

Diesen musste ich schließlich nur noch an einen 2D-Track des zweiten Takes heranlinken, um mit einer weichen Maske dann beide Schauspieler voneinander zu trennen.

Im Schnitt lassen sich mittlerweile auch Masken animieren, damit habe ich das immer schon mal vorgetestet. Wenn die Kamera sich nicht von ihrem Standpunkt bewegt (sich die Perspektive also nicht ändert), ist das Tracken und Matchen überhaupt kein Problem. Das ist übrigens eine Technik mit der sich David Fincher in seiner Arbeitsweise in all seinen Filmen und Serien rühmt. Mit ein klein wenig After Effects-Wissen ist das aber für jeden machbar: einfach zwei Clips auf der Timeline markieren, Rechtsklick, “Durch AFX-Komposition ersetzen” wählen, und schon kann es losgehen.

Digitale Set Extensions wie ein Profi

Bei den einfachen kleinen Retuschen sollte es aber nicht bleiben – der Film hat über 600 VFX-Shots, viele davon unsichtbar, weil man dahinter einfach keinen Effekt vermutet.

In dieser kleinen Übersicht seht ihr zum Beispiel Polizeiautos und Polizisten, wo es keine gab, Kirchtürme, wo keine waren (um die Szenen-Kontinuität zu erhalten), Staub auf Kästchen, der da nie gelegen hat oder sogar ganze Sets im Hintergrund einer Location, weil ich kein Geld für Ausstattung in der realen Welt gehabt hatte. Daher habe ich lieber alles in After Effects CC in die Szenen eingesetzt.

Die Herangehensweise im Compositing ist hier immer sehr ähnlich und auch nicht sehr schwer – man sieht ja im Footage, wie die zu ersetzenden Bildteile aussehen. Das Wichtigste ist hier der Schwarzwert. Wenn der nicht stimmt, fallen die digital eingesetzten Bildteile sofort auf. Um diesen anzupassen, kann man zum Beispiel die 3D-Renderings mit einer temporären Maske halbieren und dann mit dem LEVELS-Effekt (in einer 32-Bit-Umgebung) so lange an den Schwarzwerten herumziehen (und eventuell auch einfärben, gerade wenn es in der Szene Nebel, Dunst oder Lichteinstrahlung gibt), bis der echte Hintergrund und das Rendering nahtlos ineinander übergehen.

Die Highlights sind meistens nicht das Problem und die Mitten brauchen oftmals nur eine kleine Farbanpassung. Je mehr Farbtöne der Hintergrund-Plate sich in irgendeiner Form im 3D-Rendering wiederfinden, desto einfacher integriert sich alles in die Hintergrund-Plates. Ein bisschen “Light-Wrap” perfektioniert das Ergebnis schließlich.

Mischen Impossible? Wie man alte mit neuen Szenen kombiniert

Zum Ende des Projektes – nach vier Jahren Dreharbeit und einem ganzen Jahr Postproduktion – gab es noch eine besondere Herausforderung: Alle Dialogteile, die 2013 in Thailand gedreht wurden, passten Story-technisch nicht mehr zu der finalen Geschichte des Filmes. Daher mussten sie nachgedreht werden, ohne erneut nach Thailand zu fliegen.

Dafür musste ich das gesamte Footage sichten und genügend “freie Bildteile” finden, um den Hintergrund hinter Esther zu restaurieren, damit ich sie aus jeder der Aufnahmen “herausretuschieren” konnte.

Dafür mussten wir die Brennweiten raten (schließlich lag die Aufnahme vier Jahre zurück und war nie als VFX-Shots konzipiert), das Lichtsetup nachempfinden und schließlich all die Szenen vor einem kleinen Greenscreen mit neuem Dialog wiederholen.

Wenn der Schnitt auf die seitliche, weite Aufnahme kommt, sind wir wieder im Originalfootage von 2013, sobald wir zurück ins Closeup gehen, springen wir quasi vier Jahre nach vorne – ohne dass man es bemerken würde.

Um das Compositing glaubhafter zu machen, habe ich noch einen kleinen Trick auf das Gesamtmaterial angewandt: ein Lens Flare. Auch wenn der Key gut ist und die Farbwerte stimmen, tut etwas Licht, das über alles (also alte und neue Bildteile) “drüber-flared” immer gut und beseitigt eventuelle Zweifel. Also jedes Mal, wenn das Disco-Licht im Hintergrund aufdreht, gibt es einen leichten Flare quer über den oberen Bildteil, den ich ganz einfach am Ende in Premiere drübergelegt habe (hier bekommt ihr kostenlose Flares um so etwas nachzubauen) – einfach, schnell und hilft ordentlich!

Momentan sind wir auf den ersten tollen Filmfestivals auf der ganzen Welt unterwegs und haben auch schon Preise für “INGENIUM” gewonnen. Wann es den Film in Deutschland zu sehen gibt, erfahrt ihr – sobald die Festivals zusagen – bei uns auf der Homepage www.ingenium-film.com, auf Facebook oder folgt uns auf Instagram, wir würden uns freuen!

Hoffe, dass euch unser Trailer und der Einblick in die Postproduktion gefallen haben.

Ihr arbeitet selbst noch nicht mit Premiere Pro CC? Erfahrt hier, warum sich der Umstieg lohnt!

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