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Abenteuer Europa in Polen: Ausflug in die Vergangenheit und Besuch bei den einzigen europäischen Sherpas

In 470 Tagen die 47 höchsten Berge in allen 47 Ländern Europas besteigen – das ist Ulla Lohmanns Abenteuer Europa. Nach ihren Erlebnissen im Baltikum, geht ihre Reise nun weiter mit einem Ausflug in die Vergangenheit nach Polen. Neben der Natur spielen in diesem Kapitel besonders auch Menschen eine – im wahrsten Sinne des Wortes – tragende Rolle. Als Fotografin hält Ulla Lohmann für Euch einige Tipps für die Menschenfotografie unterwegs bereit.

Wir verlassen das Riesengebirge mit seinen Rübezahlsagen und fahren weiter Richtung Hohe Tatra. Wir haben einen Zwischenstopp eingeplant, der ausnahmsweise nichts mit den Bergen zu tun hat: Auschwitz. Dort, wo über 1,5 Millionen der insgesamt 6 Millionen Juden ermordet wurden. Hier werden die abstrakten Zahlen zu Einzelschicksalen, mit einer Geschichte hinter jedem Menschen. Besonders berührt mich ein Foto, das an der Stelle aufgenommen wurde, an der ich gerade mit meinem kleinen Sohn Manuk stehe. Darauf ist eine Frau zu sehen, die ein Baby in seinem Alter auf dem Arm hält. Es wurde seiner Mutter weggenommen und zu medizinischen Versuchen missbraucht. Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter.

Auf den Spuren der Vergangenheit

Nach Kriegsende rächte man sich an den Deutschen und vertrieb sie aus den Ostgebieten. Dabei starben ebenfalls viele Menschen, schätzungsweise bis zu 2 Millionen. Auch die Oma meines Lebensgefährten musste das Haus, in dem sie geboren wurde, verlassen. Wir haben nach längeren Recherchen das Gebäude in einem kleinen polnischen Örtchen gefunden und sitzen auf einer Bank davor in der Sonne. Die grausame Realität der Vergangenheit können wir nicht ändern, aber wir könnten daraus lernen…

Der höchste Berg Polens

Nachdenklich setzten wir unsere Reise fort, zurück in die Berge. Wir wollen auf den Rysy, den höchsten Berg Polens. Er liegt an der Grenze zur Slowakei in der Hohen Tatra, dem kleinsten Hochgebirge der Welt. Der Rysy, auf Deutsch „Meeraugenspitze“, hat gleich drei Gipfel: Der höchste Punkt mit 2.503 Metern ist in der Slowakei, der polnische Gipfel ist „nur“ 2.499,6 Meter hoch, der Südostgipfel noch niedriger.

Sherpas: Die Profession des Hochgebirgsträgers

Auf slowakischer Seite, kurz unterhalb der drei Gipfel, befindet sich eine Schutzhütte, die ausschließlich von Sherpas bewirtschaftet wird. Sherpas sind Hochgebirgsträger: Da Straßen- oder Seilbahnbau ist in vielen Bereichen der Hohen Tatra aus Naturschutzgründen verboten und Helikopter zu teuer sind, müssen Gepäck und Ausrüstungen bis hoch in die Basislager getragen werden. Wer glaubt, Sherpas gebe es nur im Himalaya, wird hier eines Besseren belehrt. Die Träger, die viele Hütten der Hohen Tatra mit allem Lebenswichtigem beliefern, egal ob Bier, Lebensmittel oder Tür, nennen sich wirklich so. Und sind sehr stolz auf ihren Beruf, der auch eine Berufung ist.

Kuba arbeitete hier schon als Jugendlicher. Er schätzt die sich immer wandelnde Bergwelt und den Arbeitsplatz draußen sehr. „Wenn nur alle die Natur so respektieren würden, wie wir das tun!“ Wir treffen Kuba am Tage seines Rekordversuches. In seiner Holzkraxe will er 125 Kilogramm zur Hütte transportieren, und muss dafür ungefähr 1.100 Höhenmeter überwinden. Wenn ihm das gelingt, wäre das wohl auch einen Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde wert – aber daran denkt hier keiner. Kuba möchte es für sich tun und kann nicht verstehen, dass so viele Menschen auf dem Weg stehenbleiben und ihn bewundern.

Bergwandern in Osteuropa

Ich staune auch – nicht nur über Kuba, sondern ebenfalls über die Massen an Menschen, die hier auf den Berg gehen. Auf dem Gipfel muss man sogar für ein Foto anstehen. Wir schätzen, dass ungefähr 300 Menschen heute den Berg erklommen haben müssen, dabei ist es ist nicht einmal mehr Hauptsaison! Die Tour ist mit acht Stunden Gehzeit angegeben, man muss 1.250 Höhenmeter ansteigen, 16 Kilometer einfach zurücklegen und mehrere ausgesetzte Stellen mit Hilfe eines Drahtseiles überwinden. Vor allem zieht es Gruppen von Jugendlichen ohne Begleitung Erwachsener nach oben. Schon mehrmals ist uns aufgefallen, dass Bergwandern in den östlichen Ländern einen anderen Stellenwert hat als bei uns. Doch Kuba bedauert, dass so viele Menschen die Berge zwar nutzen, aber nicht achtsam mit ihnen umgehen und beispielsweise gedankenlos ihren Müll wegwerfen oder ihre Notdurft überall verrichten. Für den knapp Dreißigjährigen bedeutet seine Arbeit auch den sorgsamen und bewussten Umgang mit Ressourcen. Alles, was man auf der Hütte benutzt und verbraucht, musste erst zu Fuß hinaufgetragen werden. Mittlerweile ist Kuba angekommen und wird von seinen acht Kollegen mit Applaus begrüßt. Eine Umarmung von jedem, ein Gruppenfoto mit dem Handy – mehr Zeit bleibt nicht zum Feiern, denn die Gäste müssen weiter versorgt werden. Sieben Stunden hat Kuba gebraucht und damit trotz des schweren Gepäcks nur ein bisschen länger als ein normaler Tourist. Bei seinem Aufstieg hat er knapp 90 € verdient, das entspricht 70 Cent pro Kilogramm. „Doch mein eigentlicher Lohn ist die Natur. Wenn die Besucher verschwunden sind und Stille in den Bergen einkehrt, dann bin ich ganz bei mir und fühle mich als ein Teil des Großen Ganzen.“ So geht es auch uns, als wir – lange nachdem die letzten Touristen den Berg hinunter sind – alleine auf dem Gipfel stehen und das Spiel der Wolken verfolgen, die um uns herum wabern. Ein Moment für die Ewigkeit.

6 Tipps für die Menschenfotografie unterwegs

Nur schwer können wir uns von der Hohen Tatra trennen. Auch bei der Fahrt durch das wunderschöne Ungarn und der „Besteigung“ (man muss immerhin fast 100 Meter zu Fuß gehen) des vollkommerzialisierten Kekes (es gibt sogar Kühlschrankmagneten mit einem Abbild des Berges!), sind unsere Gedanken noch bei unseren neugewonnenen Freunden, den Sherpas und den tollen Klettermöglichkeiten, die sich dort bieten.

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