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Die hohe Kunst des Stilllebens

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Ein Foto von einem Apfel zu schießen ist einfach – das Ergebnis überzeugend, geheimnisvoll, lebendig oder ästhetisch anspruchsvoll aussehen zu lassen hingegen ist eine hohe Kunst.

Für starke Aufnahmen muss der Fotograf eine durchdachte Komposition inszenieren und die Beleuchtung präzise auf Farbe, Größe und Textur des Objekts abstimmen. Wir sprechen heute mit echte Profis auf diesem Gebiet darüber, wie sie unbelebte Gegenstände zu atemberaubenden Motiven stilisieren.

Unsere Künstler

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Jessica Pettway

Jessica ist eine in New York lebende bildende Künstlerin mit einer leidenschaftlichen Vorliebe für Käse. Mit einem einzigartigen Blick für Farbe und spielerische Kompositionen kreiert sie surreale Arrangements, die dem Betrachter eine spannende Flucht aus dem Alltag erlauben. Stilsicher dekontextualisiert die Fotografin vertraute Haushaltsgegenstände, kuriose Produkte aus dem Ein Euro Shop und skulpturale Darstellungen von Pflanzen zu einer völlig neuen Naturkomposition arrangiert.

Adriana Napolitano

Adriana ist Fotografin, arbeitet aber auch als Bühnenbildnerin und Requisiteurin für Werbespots, Kurzfilme, Modeaufnahmen, Musikvideos und Stop-Motion-Animationen. Ihre Arbeit ist eine eigenwillige Kombination aus Fotografie, Handwerk und digitaler Manipulation. Auch wenn sie bevorzugt mit Papier arbeitet, kann sie aus fast jedem Material faszinierende Objekte kreieren.

Rein Janssen

Rein Janssen absolvierte die Royal Academy of Fine Arts in Den Haag, außerdem ist er studierter Ingenieur. Kein Wunder, dass ihn insbesondere Natur und Chemie inspirieren. Sein einzigartiger Fotostil zeigt Landschaften, die durch ihre Perfektion in den Bann ziehen und sich ruhig und doch lebendig anfühlen. Seine Stillleben zeichnen sich durch eine präzise, künstlerische und schlichte Eleganz aus. Völlige Askese liegt im dennoch fern – besonders gern lässt er sich auch durch Essen inspirieren.

Eigenwillige Musen

Oft sind es die kuriosesten Zufälle und Erinnerungen, die die Funken der Inspiration fliegen lassen. Ob Experimente im Chemieunterricht oder Dinge aus dem Ein Euro Shop: Inspiration ist überall – wir müssen nur genau hinsehen.

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Was fasziniert euch daran, leblose Objekte zum Subjekt eurer Aufnahme zu stilisieren?

Jessica Pettway: Mich fasziniert die Unmittelbarkeit des Stilllebens. Ich muss nicht darauf achten, dass die Chemie zwischen meinen Models stimmt oder das perfekte Gesicht finden – ich stöbere einfach im Ein Euro Laden, auf dem Flohmarkt oder stolpere über einen Gegenstand und dann trifft mich die Inspiration. Weil das Objekt selbst keinen kreativen Input geben kann, muss ich mich voll und ganz auf meine Phantasie verlassen. Ich mag diese Herausforderung.

 Es ist selten, einen Fotografen zu treffen, der selbst Requisiteur ist. Haben sich beide Jobs parallel entwickelt oder hat der eine den anderen inspiriert?

Adriana Napolitano: Ich habe als Bühnenbildnerin im Bereich Stop-Motion-Animationen angefangen. Das filigrane Handwerk und die Miniaturen haben mich völlig fasziniert. Ich habe dann ziemlich schnell herausgefunden, dass ich diese Objekte auch fotografisch sehr gut inszenieren kann, so entstand die Verbindung zwischen Fotokunst und Handwerk. Seit etwa 2008 arbeite ich mit verschiedenen, oft recycelten Materialien für meine Stop-Motion-Produktionen. Meine allererste, aus Papier gebastelte Requisite war tatsächlich eine viktorianische Perücke. Seitdem arbeite ich am liebsten mit Papier.

Du hast sowohl Kunst als auch Ingenieurswissenschaften studiert. Wie kam es dazu?

Rein Janssen: Mein Vater ist Biochemiker. Als ich klein war, hat er mir viele spannende Experimente gezeigt. Weil ich kaum fernsehen durfte, hat meine Mutter mir Stift und Papier in die Hand gedrückt, damit ich mich austoben kann. Später habe ich dann Ingenieurswissenschaften studiert, doch das Studium war mir zu theoretisch. Also habe ich mich dafür entschieden, wieder mehr kreativ zu arbeiten.

Mit Essen spielt man doch!

Freud und Leid der Food-Fotografie.

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Worin liegt die größte Herausforderung, wenn man Essen inszeniert?

Jessica Pettway: Ich liebe Essen. Wenn ich ein gegrilltes Käsesandwich in Szene setzen würde – es wäre für mich schon perfekt, wenn es einfach nur auf einem Teller liegt. Das ist natürlich Quatsch, man kann durch Food-Styling definitiv eine ganze Menge aus jedem Lebensmittel herausholen und es noch fotogener und köstlicher aussehen lassen.

Du bastelst oft Lebensmittel aus Papier. Warum? Und hast du auch schon einmal mit richtigem Essen gearbeitet?  



Adriana Napolitano: Ich habe immer Hunger! Vielleicht bastle ich deshalb immer Essen? Tatsächlich habe ich bis jetzt noch nie wirklich darüber nachgedacht, aber ich glaube, ich habe bisher noch nie mit echten Lebensmitteln gearbeitet. Essen ist für mich ein Genuss, deshalb interpretiere ich Essen gerne neu und inszeniere es als lustiges Motiv.

Was gefällt dir an der Arbeit mit Lebensmitteln? Du reißt Lebensmittel oft aus ihrem gewohnten Kontext und definierst sie so neu.

Rein Janssen: In meiner letzten Arbeit an der Kunstakademie ging es um Zucker und Essen. Essen ist so etwas natürliches und im Grunde ein dankbares, „freundliches“ Motiv. Mir gefällt es einfach, gewohnte Sichtweisen auf bestimmte Lebensmittel zu hinterfragen und den Betrachter durch meine Inszenierung herauszufordern.

Mit der Beleuchtung malen

Fotos zum Leben erwecken, atemberaubende Effekte erzeugen, dramatische Schatten gestalten – erlaubt ist, was gefällt.

 
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Du scheinst keinen bestimmten Beleuchtungsstil oder Ansatz zu haben, der deine Werke charakterisiert. Ist das absichtlich so?

Jessica Pettway: Normalerweise lasse ich mich einfach von der Stimmung des Augenblicks inspirieren. Ich denke, jeder Künstler durchläuft verschiedene Phasen, das ist bei mir nicht anders. Heute mag ich sanftes Licht und weiche Schatten, morgen setze ich vielleicht auf eine aggressivere Bildsprache. Viel hängt aber auch von meiner Inspirationsquelle ab: Cartoons spielen zum Beispiel mit scharfen Kontrasten, Albumcover aus den 70ern eher mit Weichzeichnern.

Ist die Inszenierung von Papierarbeiten besonders trickreich?

Adriana Napolitano: Definitiv! Papier reflektiert das Licht auf eine ganz besondere Art – genau das gefällt mir an diesem Material. Natürlich macht die richtige Beleuchtung den entscheidenden Unterschied zwischen einem netten Schnappschuss und einem echten Kunstwerk. Ich arbeite deshalb gerne mit Blitz, um das Papier lebendig und plastisch wirken zu lassen.

Einige deiner Bilder sind fast malerisch, andere wirken völlig surreal. Wie entscheidest du dich für einen Stil?

Rein Janssen: Da ist viel Intuition im Spiel. Beleuchtung, Atmosphäre und Objekt müssen schließlich perfekt miteinander harmonieren. Besonders cool ist es natürlich, wenn ein Kunde mir freie Hand lässt und ich ein bisschen herumexperimentieren kann. Oft bekomme ich aber auch sehr detaillierte Vorgaben durch Skizzen und Moodboards.

Zwischen den Zeilen lesen

Farben sind ein echter Blickfang. Nachdem lange Zeit sanfte Pastelltöne und schlichte Skandi-Looks stilbildend waren, geht der Trend jetzt zurück zu intensiven Farbtönen und Farbkombinationen, wie unser Visual Trend Creative Democracy zeigt.

  
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Farbe spielt offensichtlich eine große Rolle in deiner Fotografie. Was inspiriert dich?

Jessica Pettway: Cartoons, aber auch Illustrationen und Gemälde inspirieren mich. In letzter Zeit habe ich mich intensiv mit Kenny Scharf auseinandergesetzt, insbesondere seine verrückten Weltraumszenen. Die Art und Weise, wie er Farbe benutzt, ist super cool. Außerdem stöbere ich gerne durch alte Glam-Album-Cover, zum Beispiel von Teena Marie oder Diana Ross.

An welchem Punkt der Inszenierung machst du dir Gedanken über die Farbkomposition?

Adrinana Napolitano: Gleich zu Beginn! Meistens habe ich gleich am Anfang ein sehr klares Bild vor Augen, dass ich „nur“ basteln und shooten muss.

Einfach mal laut lachen

Humor ist eine ernste Sache: Findet heraus, wie ihr euren Humor spielerisch ausdrücken könnt.

  
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Dass du Essen liebst, zeigen deine humoristischen Inszenierungen einer Pizza auf Rollschuhen oder einer Sonnenbrille auf einem langsam schmelzenden Eis. Wie kommst du auf solche Ideen?

Jessica Pettway: Ich mag redaktionelle Fotografie, weil mich die Artikel inspirieren. Die Idee zur Pizza auf Rädern hatte ich, als ich einen Bericht über einen Lokalpolitiker gelesen habe, der nebenbei als Pizzalieferant gearbeitet hat. Manchmal hat das Objekt auch eine so präsente Persönlichkeit, dass ich mich einfach davon leiten lassen. Und ich liebe Perücken! Im Zweifelsfall setze ich einfach allem eine Perücke auf.

Humor ist ein Kernelement vieler deiner Aufnahmen: Ein aus Frikadellen gebautes Sonnensystem oder Seifenblasen, die gefährlich nah an einem Kaktus vorbei schweben. Versuchst du, jedem deiner Werke einen humoristischen Ton zu geben?

Rein Janssen: Viele meiner Ideen ergeben sich aus dem Auftrag. Das Frikadellen-Sonnensystem ist entstanden, weil ich Bilder zu einem Beitrag über das beste Carpaccio des Universums liefern sollte. Die Seifenblasen und der Kaktus stellen Menschen dar, die hochsensibel sind. Ich finde, Humor ist die beste Art, um eine Verbindung zwischen Menschen aufzubauen – und das will ich meinen Bildern mitgeben.

Ein guter Rat zum Schluss

 Jessica Pettway: Nehmt euch die Zeit, jeden einzelnen Gegenstand perfekt zu positionieren. So bekommt ihr natürlichere Effekte und stellt eine Beziehung zwischen den Objekten her.

Adriana Napolitano: Seid neugierig, probiert Dinge aus und vor allem: Habt Geduld – insbesondere, wenn ihr mit Papier arbeitet.

Rein Janssen: Die Beleuchtung muss stimmen. Probiert einfach ein bisschen herum, dann bekommt ihr ein Gefühl dafür. Und ein Praktikant oder Assistent ist eine tolle Unterstützung – manchmal braucht man einfach mehr als zwei Hände.

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