Creative Connection

Das perfekte Foto – Mythos oder Realität?

Gibt es so etwas wie das perfekte Foto? Und wie bekommt man es hin? Wir haben zwei Landschaftsfotografen gefragt. Ist es eine Frage des richtigen Timings, ist es professionelle Ausrüstung oder doch die Extrarunde mit dem Heli? Kreative können stundenlang an den kleinsten Details feilen, bis das Ergebnis in ihren Augen „perfekt“ ist. Aber vielleicht ist Perfektion genauso ein Mythos wie das Ungeheuer von Loch Ness?

Diane Tuft, Autorin von “The Arctic Melt: Images of a Disappearing Landscape”

“Das Foto oben trägt den Titel ‘Broken Arches’ und zeigt einen Eisberg in der Diskobucht in Ilulissat, Grönland. 2015 und 2016 reiste ich während der Sommermonate durch die Arktis, um die drei Ursachen für den Anstieg des Meeresspiegels infolge des Klimawandels zu dokumentieren: die Gletscherschmelze, die thermische Ausdehnung der Ozeane und das Abschmelzen des Grönlandeises.

Ich fuhr mit einem russischen Atom-Eisbrecher von Murmansk zum Nordpol. Wir durchquerten weite Gebiete offener Gewässer. Als wir den Nordpol erreichten, war das Eis so dünn, dass wir nicht von Bord gehen konnten. Wir haben drei Stunden lang nach einer Eisplatte gesucht, die dick genug für eine Entdeckungstour zu Fuß war.

Ich hatte Ilulissat schon einmal neun Jahre zuvor besucht. Damals war die Eisschicht von weichem Schnee bedeckt, und die Temperaturen lagen bei -1 °C. Die Eisberge in der Diskobucht waren so massiv, dass sie aussahen wie Gletscher. Heute sammeln sich durch das ständige Kalben des Gletschers winzige Eisberge in der Bucht an, die aufgrund der warmen Temperaturen auseinanderfallen. Nur neun Jahre später waren die Temperaturen in Ilulissat auf 18 °C angestiegen. Der Eisberg auf diesem Foto schmilzt in rasantem Tempo. Im Inneren fließt Wasser.

‘Broken Arches’ ist eine Luftaufnahme. Ich hatte den Piloten des Hubschraubers angewiesen, den Eisberg so oft zu umfliegen, bis ich die beste Komposition im Blick hatte. Da ich meine Fotos nie zuschneide, musste ich auf den richtigen Moment warten, in dem Sonne, Form und Reflexion perfekt harmonierten. Ich habe aus einem Winkel durch ein Fenster fotografiert, was nicht ideal ist. Normalerweise öffne ich die Tür, wenn es möglich ist, sodass ich mich hinauslehnen und die beste Komposition einfangen kann. Dieses Mal war der Pilot nicht weit genug unten. Ich bat ihn also, tiefer zu fliegen, bis ich das Schmelzwasser aus der Vogelperspektive aufnehmen konnte.

Künstler haben ein angeborenes Gespür für Komposition. Ich habe Mathematik studiert. Alles in der Natur lässt sich mathematisch definieren. Die Länge des Kopfes beträgt ein Siebtel der Körperlänge. In Muscheln, Blüten, Pinienzapfen, Ästen, Spiralgalaxien und Hurricanes findet man den Goldenen Schnitt. Ich denke schon, dass es so etwas wie eine perfekte Aufnahme gibt. Aber sie entsteht unterbewusst. Eine Landschaftskomposition in einem Verhältnis von einem Drittel zu zwei Dritteln fühlt sich für mich richtig an. So wird aus einem Bild eine perfekte Komposition.”

Mark Maziarz, Autor von “Park City: A Portrait”

“Dieses Bild vom Pazifischen Ozean in Encinatas, Kalifornien, ist vor ca. zehn Jahren entstanden. Am besten gefällt mir, wie das Sonnenlicht den Ozean einige hundert Meter von der Küste entfernt erhellt.

Unter einer perfekten Aufnahme verstehe ich ein technisch gelungenes Bild, in dem Belichtung, Fokus und Komposition genau stimmen. Diese Aufnahme ist allerdings aus technischer Sicht alles andere als perfekt. Ich habe sie mit einer kleinen Kamera gemacht, die keinen besonders guten Sensor hatte. Es handelte sich um ein einfaches 200-Dollar-Modell. Aber diese Aufnahme spiegelt eine Stimmung wider, und das zählt für mich mehr als der technische Aspekt.

Am Anfang meiner Laufbahn als Fotograf machte ich Stockbilder zum Thema Sport. Meine Einsätze waren von perfekten Wetterbedingungen abhängig, z. B. Neuschnee und einem klaren, blauen Himmel. Bei diesem Foto habe ich mich jedoch vom Anspruch der Perfektion gelöst. Es war der Beginn meiner Ablehnung gegenüber technischer Perfektion. Ich habe meine Sichtweise geändert und für mich selbst neu definiert, was ein gutes Foto ausmacht.

Zum Zeitpunkt dieser Aufnahme von Encinatas arbeitete ich an einer Serie mit drei Kameras. Mein Lieblingsobjektiv ist 160 Jahre alt. Beim Fokussieren ist es nicht perfekt, aber es erzeugt coole Muster, und die Aufnahme sieht aus wie ein Gemälde. Ich finde es großartig, was damit alles entstehen kann. Auf diese Weise will ich modernen Objektiven Kontra geben, die perfekte, gestochen scharfe Bilder liefern. Meine Bilder sind eher organisch und wie handgemacht. Sie wirken fast greifbar, obwohl sie digital sind.

Mir fällt immer wieder auf, dass sich Fotografen nur auf die technischen Aspekte konzentrieren, um die perfekte Aufnahme zu erzielen. Dadurch verlieren sie das Wesentliche aus dem Blick: die Seele eines Fotos und das Gefühl, das vermittelt werden soll. Das aber sollte das eigentlich Wichtige beim Fotografieren sein. Fotos müssen Emotionen abbilden. Denn genau darauf reagieren Menschen. Ein perfektes Foto zu machen, ist eine Sache. Ein Foto aufzunehmen, das Gefühle und Stimmung vermittelt, eine ganz andere. Dieses Bild trifft es auf den Punkt, obwohl es technisch nicht perfekt ist.”

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