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„Timescaping“: Lerne die zwei Künstler kennen, die die traditionelle Kolorierung mit Adobe Photoshop neu erfunden haben

Tagtäglich werden wir mit leuchtenden, energiegeladenen und hochauflösenden Fotografien überflutet. Seien sie digital oder gedruckt – wir sind bereits daran gewöhnt, Farben auf Fotografien und Illustrationen zu sehen, die wie aus dem echten Leben erscheinen.

Wie wir aber alle wissen, waren Fotografien nicht immer so lebensecht. Wenn wir beispielsweise 100 Jahre zurückgehen, waren Fotografien nur schwarz-weiß. Der fotografische Bearbeitungsprozess, d. h. das Einfärben von Schwarz-Weiß-Fotografien, begann lange vor der Erfindung des Bildbearbeitungsprogramms Adobe Photoshop. Sowohl Künstler als auch Fotografen experimentierten bereits vor dem digitalen Zeitalter mit Farben und schufen so wahrlich faszinierende Werke.

Ab dem Zeitpunkt, als Farben zu einem dauerhaften Bestandteil der Fotografie wurden, sah man sie praktisch als selbstverständlich an. In jüngster Zeit erlebt die Kunst des Einfärbens von Schwarz-Weiß-Fotografien eine Renaissance. Heute verleihen digitale Tools wie Adobe Photoshop Fotos eine völlig neue Dimension.

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Die Künstler Jordan Lloyd und Carles Marsal heben diese Kunst mit ihrer selbstbetitelten „Timescaping“-Methode auf eine ganz neue Ebene. Das Duo kombiniert antike einfarbige und sepiafarbene Fotografien mit modernen Fotos aus Adobe Stock, nimmt uns somit mit auf eine Reise durch die Zeit und kreiert dabei eine wundervolle, faszinierende Landschaft aus einer Vielzahl verschiedener Epochen.

Jordan und Carles haben eine Online-Masterclass zu Timescaping abgehalten – hier könnt Ihr die Aufzeichnung ansehen sowie hier die Tutorial PSD Dateien plus kostenlose Brushes herunterladen. In der Masterclass demonstriert Carles zunächst, wie man antike Fotografien und modernere Adobe-Stock-Bilder nahtlos miteinander kombiniert. Anschließend erklärt Jordan, wie man Farbe und Abstufungen hinzufügt, um dem „Timescape“-Meisterstück den letzten Schliff zu verleihen.

Wir haben uns mit dem Duo getroffen, um zu erfahren, wie sie es geschafft haben, dahin zu kommen, wo sie heute sind, und um mehr über die Art und Weise ihrer Zusammenarbeit sowie über „Timescaping“ zu lernen.

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Inwiefern unterscheidet sich modernes „Timescaping“ von früheren Versionen?

Jordan: Der von mir geprägte Begriff „Timescape“ beschreibt die Idee, dieselbe Ansicht über verschiedene Epochen hinweg darzustellen. Die Idee entstand für das Times-Square-Projekt, an dem Carles und ich für Retronauts New Yorker Ausstellung in Zusammenarbeit mit SC Exhibitions gearbeitet haben. Sie baten uns um ein Herzstück für die Ausstellung, deren Thema „Panoramen von New York an der Wende des 20. Jahrhunderts“ war. Es war zugleich befremdlich und ungeheuer spannend, zu sehen, was passieren würde, wenn wir die von unserem Freund Limor Garfinkel aufgenommene Ansicht nehmen und mehrere Jahrzehnte mit zwei Dutzend Fotografien von 1900 bis 2016 abdecken würden. Carles vermischte diese Bilder sorgfältig und entsättigte die Farben komplett. Daraufhin habe ich die Farben wieder hinzugefügt, um alles konsistent zu machen. Der endgültige „Timescape“ kam sehr gut an – die Menschen waren wie hypnotisiert von dem (buchstäblich) wandgroßen fertigen Werk und verbrachten zehn oder fünfzehn Minuten davor, um jedes Detail aufzusaugen.Auf der anderen Seite ist „Kolorierung“ ein beliebter Begriff, mit dem das moderne Verfahren der Einfärbung von Schwarz-Weiß-Fotografien mit manuellen Mitteln beschrieben wird. Die Zugabe von Farbe ist eine der frühesten Formen der fotografischen Bearbeitung; man findet Beispiele von handbemalten Fotos, die bis in die 1850er Jahre zurückreichen. Die Malerei war ein gängiges Verfahren, die lithographische Bearbeitung ein anderes, doch die allgemeine Idee dahinter war, den Bildern einen größtmöglichen kommerziellen Wert zu verleihen. Heute können wir mit Tools wie Adobe Photoshop und seinen nicht-destruktiven Einstellungsebenen und Blending-Modi eine Feinsteuerung erreichen, die fertige Bilder zutage bringt, die nur schwer von einem echten Farbfoto zu unterscheiden sind.

Ist viel Recherche erforderlich, um die Farben richtig hinzubekommen?

Jordan: Ja, auf jeden Fall. Bei der Arbeit an einem Foto verbringt man mindestens die Hälfte der Zeit mit Recherche. Unabhängig davon, ob es sich um eine Online-Recherche, Gespräche mit Fachexperten, das Lesen von Fachbüchern oder den Besuch eines bestimmten Ortes handelt – das Ziel besteht darin, den Unsicherheitsfaktor auf ein Minimum zu reduzieren. Es gibt einige Dinge, die man sich erschließen kann, wie das Wetter und die Farbe des Himmels, indem man z. B. den Schatten und die Standortdaten genauer untersucht, aber Dinge wie die typische Kleidung oder Werbung der jeweiligen Zeit erfordern sehr viel Zeit. Historische Genauigkeit zu erzielen, ist leider so gut wie unmöglich, da wir nicht mit einem Smartphone oder einer modernen Farbkamera vor Ort waren, als die ursprüngliche Fotografie aufgenommen wurde. Einige Details werden nicht korrekt sein, aber durch umfangreiche Nachforschungen gewinnt man ein authentisches Gefühl dafür, was der ursprüngliche Fotograf durch den Sucher erblickt hat.

Carles, deine Spezialität ist das Matte Painting. Wann hast du mit dem Illustrieren angefangen?

Carles: Zunächst begann ich mit sehr einfachen Fotobearbeitungsprojekten. Die meisten von ihnen enthielten nur ein oder zwei Elemente in einer Szene, die in der Regel für die Werbebranche bestimmt war. Jetzt arbeite ich an sehr komplexen Projekten, die 50 oder mehr Elemente umfassen können, jedes von ihnen mit einer sehr präzisen Licht- und Schattenkonfiguration, Farbe, Dichte, Textur, Tiefe usw. Um eine glaubwürdige Komposition zu kreieren, muss man verstehen, wie die Dinge im wirklichen Leben funktionieren, und dies umsetzen, damit der Betrachter nicht erkennen kann, was wirklich dort war und was nicht. Ich habe fast alles aus der Natur und der klassischen Malerei gelernt; alles ist da, man muss nur alle Puzzleteile zusammenfügen und viel üben. Natürlich muss man auch die richtigen Tools verwenden. Im Laufe der Jahre habe ich eine sehr präzise Technik entwickelt, die ich in unserer Online-Masterclass am 18. Oktober vorstellen werde. Es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn man das fertige Werk betrachtet und es so aussieht, als wäre man dort gewesen und hätte das Foto selbst gemacht.
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Jordan, wie bist du zu einem Koloristen geworden?

Jordan: Es war nicht nur eine einzige Sache, eher eine Kombination aus Zufällen, dank derer ich letztendlich erkannte, wie weit mich das bringen kann. Ein Beispiel hierfür ist, als ich versuchte, eine sehr rohe Fotografie bei mir Zuhause zu reparieren. Dank Photoshop war es relativ einfach, die Helligkeit zurückzuholen, aber ich musste experimentieren, um die Farbe hineinzubringen. Zur gleichen Zeit hatte ich online viele eingefärbte Fotografien gesehen und bekam Lust darauf. Ich benötigte etwa ein Dutzend Versuche, bevor ich mit dem Ergebnis zufrieden war, und seitdem habe ich meine Fähigkeiten ständig weiterentwickelt.

Wie lange dauert es, ein Bild aus vergangener Zeit in Farbe erstrahlen zu lassen?

Jordan: Das hängt ganz von der Menge der visuellen Informationen auf der Fotografie ab. Es kann Stunden, Tage oder auch Wochen dauern. Einmal hat es bei einer Fotografie ganze sechzehn Tage gedauert, bis ich fertig war. Man muss bedenken, dass die meisten Schwarz-Weiß-Fotos dem Zahn der Zeit trotzen und erst in ihren ursprünglichen Zustand wiederhergestellt werden müssen – was sehr zeitaufwendig ist – und da ist noch nicht einmal die Einfärbung oder die Recherchezeit eingerechnet.

Welche historischen Epochen faszinieren euch am meisten? Ändert sich euer Interesse, wenn ihr bestimmte Fotos einfärbt?

Jordan: Durch mein japanisches Waffentraining habe ich großes Interesse an der japanischen Geschichte. All die Dinge aus Yokohama am Ende des Shogunats zu sehen, einer bedeutenden Übergangszeit der Weltgeschichte in den 1870er und 1880er Jahren, ist atemberaubend. Die frühe Farbfotografie ist gleichermaßen faszinierend wie ätherisch. Ich hatte das Glück, letzte Woche die größte Sammlung von Autochromen einer Einzelperson zu sehen. Es handelte sich um Fotos von England, die zwischen 1910 und 1930 aufgenommen wurden. Es war etwas, das sich die meisten Menschen heute gar nicht mehr vorstellen können. Die Fotos wurden stereoskopisch aufgenommen, sodass man diese Bilder im Sonnenlicht durch einen speziellen Bildbetrachter ansehen musste – die 1900er in 3D und Farbe. Absolut unglaublich.

Was gefällt euch beiden am besten an Timescaping?

Jordan: Mit Carles zusammenzuarbeiten, war ein echtes Vergnügen. Ich war begeistert von seinen Matte-Painting-Kompositionen, die – was die Zusammensetzung anbelangt – wie die Ölgemälde echter alter Meister anmuten. Zu sehen, was Carles mit ein paar Fotografien alles machen kann, ist wirklich bemerkenswert. Aus technischer Sicht ist es eine schwierige Aufgabe, Perspektive und Beleuchtung neu auszurichten, was er alles von Hand macht, um etwas Neues zu schaffen.

Carles: Als Jordan mich gebeten hat, eine Timescaping-Komposition zu kreieren, dachte ich, ich habe die absolute Grenze der Fotobearbeitung erreicht. Dazu gehören nicht nur Elemente aus verschiedenen Bildern, sondern auch aus unterschiedlichen Epochen. Einfach großartig. Das alles zusammenzustellen war schwierig, hat aber auch unglaublich viel Spaß gemacht; zu versuchen, alle möglichen Epochen einzubringen – und auch die Gebäude, Menschen, Strukturen, Fahrzeuge, Werbeanzeigen usw. Ich muss wirklich sagen, es war fantastisch, als Jordan den Fotos Farbe verliehen hat. Ich habe gesehen, wie er arbeitet und alles einfärbt… du kannst mir glauben, es ist, als würde man die Dinge zum Leben erwecken.

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Es ist schon fast zu viel Spaß, um Arbeit zu sein! Für welche Art von Kunden arbeitet ihr?

Carles: Ich arbeite normalerweise für Werbeagenturen und habe einige Projekte für die Videospiel- und Filmindustrie durchgeführt.

Jordan: Bei mir sind es zunehmend Verlage, aber ich hatte auch das Glück, mit einigen wirklich großartigen Sammlungsbesitzern und Unternehmen zu arbeiten, so z. B. mit dem Imperial War Museum, mit Apple und natürlich mit Adobe.

Wie lange braucht eurer Meinung nach ein Photoshop-Anfänger, bis er mit Timescaping vertraut ist?

Jordan: Nicht solange wie man denkt! Das Tolle an der Idee eines Timescape ist, dass man Zugriff auf Hunderttausende von öffentlich zugänglichen historischen Fotografien erhält, sie mit Adobe Stock kombinieren und ganz einfach damit experimentieren kann. Die schwierigste Frage lautet: Welches bestimmte Thema möchte man behandeln oder welche Frage beantworten? Beim Times Square haben wir beispielsweise die Ansichten begrenzt, sodass man nur den Times Square an sich sehen und die Details lediglich diesen Fotos entnehmen konnte. In unserer Masterclass geht es darum, nur zwei oder drei Elemente herauszupicken und sie zu kombinieren. Ich denke, das interessanteste Ergebnis hiervon ist, wenn die Zuschauer gezwungen sind, zweimal hinzusehen und ihre Zeitwahrnehmung überdenken müssen.

Welche Erfahrung habt ihr mit der internationalen Zusammenarbeit bei Projekten gesammelt, und welche Tools verwendet ihr?

Jordan: Heutzutage gibt es so viele Tools für eine optimale Zusammenarbeit, was es sehr einfach macht, auf internationaler Ebene zu kooperieren. Da ich in mehreren Ländern tätig war, als wir am Times Square gearbeitet haben, verwendeten wir Adobe Photoshop CC, E-Mail und Instant Messenger als Tools, um über bestimmte Details zu diskutieren. Wir haben Änderungen in einem einzigen Dropbox-Ordner vorgenommen, also so eine Art „Photoshop-Tennis“. Ich erinnere mich daran, dass ich damals versucht habe, Carles die Idee mit einem schrecklichen Schnellversuch zu erklären, den ich auf einem Flug nach Thailand gemacht habe und den Carles als Ausgangsbasis für seine viel bessere Komposition im fertigen Bild nutzte.

Hier könnt Ihr die Online-Masterclass: „5 Essentials to Timescaping in Adobe Photoshop“ nochmal anschauen!

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