Blog Post:Beflügelt von den US-Wahlen im letzten Jahr versuchen sich auch in Deutschland die Parteien im Kampf um die Stimmen mit der verstärkten Nutzung von digitalen Tools, Big-Data-Anwendungen und künstlicher Intelligenz. Doch die Realität fällt eher bescheiden aus. Denn mentale Unterschiede, strengere Datenschutzbestimmungen und auch schlicht fehlendes Know-how bremsen hier deutlich. Was sich übrigens auch in der eher zögerlichen Entwicklung in Richtung Digital Government widerspiegelt, die im Vergleich zu Staaten wie Estland bei uns immer noch in den Kinderschuhen steckt. Tür-zu-Tür-App ist nur ein Formular auf einer Website Nehmen wir das Beispiel der Tür-zu-Tür-App der SPD, über die Spiegel online kürzlich berichtet hat. Ganz nach dem Vorbild von Campaigning-Tools in Amerika soll sie die Hausbesuche der Wahlkämpfer optimieren. Anhand von konkreten Informationen über Einkommen, letzte Wahlentscheidungen und Familiensituation, die auf dem Smartphone bereitgestellt werden, klingeln die Aktivisten dort nicht mehr wahllos an jeder Tür. Sondern nur dort, wo die soziodemographischen Daten auch einen Erfolg der Überzeugungsanstrengungen erwarten lassen. Das mindert den Frust bei den Campaignern und macht ihren Einsatz effizienter. So weit, so gut. Doch was ist dabei in Deutschland herausgekommen? „De facto aber ist diese App nur eine Website und diese Website nur ein Online-Formular. Der Wahlkämpfer trägt bis zu drei Informationen ein – über die statistische Auswertung erhält dann der Wahlkreiskandidat eine Ahnung davon, wie seine Gegend, ganz grob, tickt“, schreibt Spiegel Online und stellt zu Recht die Frage: „Ob man die vielen jungen Neumitglieder der SPD wirklich mit einem Online-Formular für den Haustürwahlkampf begeistern kann?“ Vermutlich eher nicht. Automatische Personalisierung mit Hilfe von Chatbots Die CDU denkt unterdessen über den Einsatz von Chatbots nach, die im Wahlkampf automatisch Anfragen von Bürgern beantworten. Sie basieren auf Künstlicher Intelligenz (KI) und sollen in Chat-Programmen oder sozialen Netzwerken Fragen verstehen und passende Antworten aus Textbausteinen geben. Auch hier kommen die Vorbilder aus den USA. So hat die NY Times zum Beispiel einen Software-Roboter anlässlich des US-Wahlkampfs veröffentlicht, der automatisiert und auf die eigenen Bedürfnisse der Leser abgestimmt, über neueste Entwicklungen berichtete. Das Besondere an einem solchen Chatbot ist, dass er quasi eigenständig kommuniziert, sich den Präferenzen und dem Verhalten seines Nutzers anpassen kann und dazu in der Lage ist, auf Befehle zu reagieren. An und für sich ein guter Ansatz, denn Personalisierung im Web erhöht die Relevanz für den Nutzer. Das empfehle ich ja auch in der eGovernment-Debatte. Doch leider wird eine solche Anwendung von Künstlicher Intelligenz in der öffentlichen Diskussion von etwas ganz Anderem überschattet: Dem Einsatz von Socialbots, mit deren Hilfe die öffentliche Meinung manipuliert werden soll. Nach Schätzungen kamen etwa im US-Wahlkampf rund 20 Prozent aller Tweets von solchen automatisierten Programmen, die sich als Menschen aus Fleisch und Blut ausgeben. Eine Untersuchung britischer Wissenschaftler hat ergeben, dass Socialbots auch während der Debatte über den Brexit eingesetzt wurden, um Stimmung für einen Austritt Großbritanniens aus der EU zu machen. Alle Parteien außer der AfD haben bereits erklärt, dass sie auf ihren Einsatz im Bundestagswahlkampf 2017 verzichten wollen. Denn da es zunehmend schwerer wird, die Socialbots ausfindig zu machen, gefährden sie die generelle Glaubwürdigkeit von Diskussionen und Meldungen in den sozialen Netzwerken. Das gilt auch in Frankreich, wo der Präsidentschaftswahlkampf am 27. April inzwischen in der heißen Phase angelangt ist. Das Pariser Startup Liegey Muller Pons (LMP) geht deshalb einen anderen Weg und verbindet dazu Datenanalyse, Microtargeting und Profiling mit dem traditionellen Haustürwahlkampf. Ihr Motto: Menschen lassen sich am besten von Menschen überzeugen. Französisches Startup will Wahlkampf 4.0 in Europa etablieren Dass dieses Konzept funktionieren kann, zeigt die Kampagne für den Kandidaten Emmanuel Macron, der als Außenseiter binnen Monaten Hunderttausende Menschen mobilisierte – ganz ohne Parteiapparat. Die LMP-Gründer, die ihr Unternehmen als „erstes Digital-Start-up für Wahlstrategie in Europa“ verstehen, haben ihr Handwerk ebenfalls in den USA gelernt und wollen den Politikern das richtige Werkzeug für den Sieg liefern. Beispielsweise optimale Routen für das mühsame Klinkenputzen oder das Aufstellen von Infoständen. Dazu kombiniert die LMP-Software die Ergebnisse aller Wahlen seit 2007 mit soziodemografischen Daten wie Alter oder Einkommen der Wählerschaft in bestimmten Gegenden. Entscheidend sind die Anteile von Wechselwählern und Nichtwählern, um einzelne Straßenzüge für den Wahlkampf zu priorisieren. Schließlich sollen diejenigen erreicht werden, bei denen Sympathie für die eigene Partei vermutet wird, die aber nicht zu den Stammwählern gehören. „Die Kombination aus Daten, der Technologie und den Menschen ist das, was einen guten Wahlkampf auszeichnet“, sagte LMP-CEO Guillaume Liegey kürzlich im Interview mit Politik digital. Der Einsatz der Big Data-Analysen lohne vor allem bei Wahlen, wo die Kandidaten um die fünf Prozent auseinanderliegen. denn mehr als drei bis fünf Prozent zusätzliche Stimmen – so die Erfahrung aus 340 Kampagnen in 14 europäischen Ländern – seien damit nicht zu holen. LMP plant mittlerweile die Eröffnung eines Berliner Büros, um eventuell auch noch im Bundestagswahlkampf mitmischen zu können. Für die Grünen in Bayern hat das Startup schon einmal gearbeitet: Allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Zwar wurden 85 Prozent der Wahlkämpfer an den Türen, an denen sie geklingelt hatten, von den Bewohnern laut anschließender Auswertung herzlich empfangen. Ihr Kreuz machten sie aber wohl woanders. Trotzdem kann ich mich dem Appell von Buchautor und Social-Media-Experte Philipp Steuer nur anschließen: „Liebe deutsche Politiker, ganz egal auf Regional-, Landes- oder Bundesebene – stellt doch lieber 500 Plakate weniger auf und steckt ein bisschen Arbeit in eure Digitalstrategie. Danke.“ Author: Date Created:13 April 2017 Date Published: Headline:Ist der Wahlkampf 2017 in Deutschland wirklich digital? Social Counts: Keywords: Publisher:Adobe Image:https://blogs.adobe.com/digitaleurope/files/2017/04/170413_WAHLKAMPF-1024x574.png

Beflügelt von den US-Wahlen im letzten Jahr versuchen sich auch in Deutschland die Parteien im Kampf um die Stimmen mit der verstärkten Nutzung von digitalen Tools, Big-Data-Anwendungen und künstlicher Intelligenz. Doch die Realität fällt eher bescheiden aus. Denn mentale Unterschiede, strengere Datenschutzbestimmungen und auch schlicht fehlendes Know-how bremsen hier deutlich. Was sich übrigens auch in der eher zögerlichen Entwicklung in Richtung Digital Government widerspiegelt, die im Vergleich zu Staaten wie Estland bei uns immer noch in den Kinderschuhen steckt.

Tür-zu-Tür-App ist nur ein Formular auf einer Website

Nehmen wir das Beispiel der Tür-zu-Tür-App der SPD, über die Spiegel online kürzlich berichtet hat. Ganz nach dem Vorbild von Campaigning-Tools in Amerika soll sie die Hausbesuche der Wahlkämpfer optimieren. Anhand von konkreten Informationen über Einkommen, letzte Wahlentscheidungen und Familiensituation, die auf dem Smartphone bereitgestellt werden, klingeln die Aktivisten dort nicht mehr wahllos an jeder Tür. Sondern nur dort, wo die soziodemographischen Daten auch einen Erfolg der Überzeugungsanstrengungen erwarten lassen. Das mindert den Frust bei den Campaignern und macht ihren Einsatz effizienter. So weit, so gut. Doch was ist dabei in Deutschland herausgekommen?

De facto aber ist diese App nur eine Website und diese Website nur ein Online-Formular. Der Wahlkämpfer trägt bis zu drei Informationen ein – über die statistische Auswertung erhält dann der Wahlkreiskandidat eine Ahnung davon, wie seine Gegend, ganz grob, tickt“, schreibt Spiegel Online und stellt zu Recht die Frage: „Ob man die vielen jungen Neumitglieder der SPD wirklich mit einem Online-Formular für den Haustürwahlkampf begeistern kann?“ Vermutlich eher nicht.

Automatische Personalisierung mit Hilfe von Chatbots

Die CDU denkt unterdessen über den Einsatz von Chatbots nach, die im Wahlkampf automatisch Anfragen von Bürgern beantworten. Sie basieren auf Künstlicher Intelligenz (KI) und sollen in Chat-Programmen oder sozialen Netzwerken Fragen verstehen und passende Antworten aus Textbausteinen geben. Auch hier kommen die Vorbilder aus den USA. So hat die NY Times zum Beispiel einen Software-Roboter anlässlich des US-Wahlkampfs veröffentlicht, der automatisiert und auf die eigenen Bedürfnisse der Leser abgestimmt, über neueste Entwicklungen berichtete.

Das Besondere an einem solchen Chatbot ist, dass er quasi eigenständig kommuniziert, sich den Präferenzen und dem Verhalten seines Nutzers anpassen kann und dazu in der Lage ist, auf Befehle zu reagieren. An und für sich ein guter Ansatz, denn Personalisierung im Web erhöht die Relevanz für den Nutzer. Das empfehle ich ja auch in der eGovernment-Debatte.

Doch leider wird eine solche Anwendung von Künstlicher Intelligenz in der öffentlichen Diskussion von etwas ganz Anderem überschattet: Dem Einsatz von Socialbots, mit deren Hilfe die öffentliche Meinung manipuliert werden soll. Nach Schätzungen kamen etwa im US-Wahlkampf rund 20 Prozent aller Tweets von solchen automatisierten Programmen, die sich als Menschen aus Fleisch und Blut ausgeben. Eine Untersuchung britischer Wissenschaftler hat ergeben, dass Socialbots auch während der Debatte über den Brexit eingesetzt wurden, um Stimmung für einen Austritt Großbritanniens aus der EU zu machen.

Alle Parteien außer der AfD haben bereits erklärt, dass sie auf ihren Einsatz im Bundestagswahlkampf 2017 verzichten wollen. Denn da es zunehmend schwerer wird, die Socialbots ausfindig zu machen, gefährden sie die generelle Glaubwürdigkeit von Diskussionen und Meldungen in den sozialen Netzwerken. Das gilt auch in Frankreich, wo der Präsidentschaftswahlkampf am 27. April inzwischen in der heißen Phase angelangt ist. Das Pariser Startup Liegey Muller Pons (LMP) geht deshalb einen anderen Weg und verbindet dazu Datenanalyse, Microtargeting und Profiling mit dem traditionellen Haustürwahlkampf. Ihr Motto: Menschen lassen sich am besten von Menschen überzeugen.

Französisches Startup will Wahlkampf 4.0 in Europa etablieren

Dass dieses Konzept funktionieren kann, zeigt die Kampagne für den Kandidaten Emmanuel Macron, der als Außenseiter binnen Monaten Hunderttausende Menschen mobilisierte – ganz ohne Parteiapparat. Die LMP-Gründer, die ihr Unternehmen als „erstes Digital-Start-up für Wahlstrategie in Europa“ verstehen, haben ihr Handwerk ebenfalls in den USA gelernt und wollen den Politikern das richtige Werkzeug für den Sieg liefern. Beispielsweise optimale Routen für das mühsame Klinkenputzen oder das Aufstellen von Infoständen.

Dazu kombiniert die LMP-Software die Ergebnisse aller Wahlen seit 2007 mit soziodemografischen Daten wie Alter oder Einkommen der Wählerschaft in bestimmten Gegenden. Entscheidend sind die Anteile von Wechselwählern und Nichtwählern, um einzelne Straßenzüge für den Wahlkampf zu priorisieren. Schließlich sollen diejenigen erreicht werden, bei denen Sympathie für die eigene Partei vermutet wird, die aber nicht zu den Stammwählern gehören.

Die Kombination aus Daten, der Technologie und den Menschen ist das, was einen guten Wahlkampf auszeichnet“, sagte LMP-CEO Guillaume Liegey kürzlich im Interview mit Politik digital. Der Einsatz der Big Data-Analysen lohne vor allem bei Wahlen, wo die Kandidaten um die fünf Prozent auseinanderliegen. denn mehr als drei bis fünf Prozent zusätzliche Stimmen – so die Erfahrung aus 340 Kampagnen in 14 europäischen Ländern – seien damit nicht zu holen.

LMP plant mittlerweile die Eröffnung eines Berliner Büros, um eventuell auch noch im Bundestagswahlkampf mitmischen zu können. Für die Grünen in Bayern hat das Startup schon einmal gearbeitet: Allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Zwar wurden 85 Prozent der Wahlkämpfer an den Türen, an denen sie geklingelt hatten, von den Bewohnern laut anschließender Auswertung herzlich empfangen. Ihr Kreuz machten sie aber wohl woanders. Trotzdem kann ich mich dem Appell von Buchautor und Social-Media-Experte Philipp Steuer nur anschließen: „Liebe deutsche Politiker, ganz egal auf Regional-, Landes- oder Bundesebene – stellt doch lieber 500 Plakate weniger auf und steckt ein bisschen Arbeit in eure Digitalstrategie. Danke.“

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *