Zwischen Flexibilität und Erreichbarkeit – Auswege aus der digitalen Erschöpfung

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In den vergangenen Wochen haben wir in unserer Blogserie „Make it New Work!“ das Thema Neues Arbeiten aus verschiedenen Blickwinkeln durchleuchtet. Digital-Experten aus unterschiedlichen Bereichen ließen uns über ihre Schultern blicken und gaben wertvolle Tipps direkt aus der Praxis. Im letzten Teil der Serie lassen wir den „New Work“-Vordenker und Buchautor Markus Albers zu Wort kommen, der in seinem Buch „Digitale Erschöpfung“ die neue Arbeitswelt kritisch hinterfragt, aber gleichzeitig die Digitalisierung nicht verteufelt und sich selbst als Tech-Enthusiast beschreibt. Wie das zusammenpasst und welche Auswege er in Gesprächen mit anderen gefunden hat, dürfen wir in folgenden Auszügen seines aktuellen Buchs erfahren.

Digitale Erschöpfung

Das Neue Arbeiten ist zum Mainstream geworden. Aber die Anzeichen mehren sich, dass mehr Flexibilität und Mobilität auch neue Probleme mit sich bringen können. Im Jahr 2000 boten nur 4 Prozent aller deutschen Unternehmen mobiles und flexibles Arbeiten an, 2006 waren es schon 18,5 Prozent. Mittlerweile ist die Zahl der mobilen Mitarbeiter hierzulande größer als die der stationären: 54 Prozent der Berufstätigen in Deutschland arbeiten laut einer aktuellen Studie »teilweise oder ausschließlich« mobil. Das bedeutet im Umkehrschluss: Nur noch 46 Prozent der Beschäftigten sitzen ausschließlich an einem stationären Arbeitsplatz. Heute wünschen sich 62 Prozent der Deutschen, regelmäßig von zu Hause aus arbeiten zu dürfen. Und für 90 Prozent der Beschäftigten ist bei der Arbeitgeberwahl familienfreundliche Flexibilität ebenso wichtig wie das Gehalt.

Neues Arbeiten ist inzwischen also Mainstream. Aber löst es auch seine hehren Versprechen ein? Macht es die Menschen wirklich selbstbestimmter, produktiver, kreativer und glücklicher? Oder vielleicht nur gestresster, getriebener … und irgendwie: erschöpfter?

Tatsache ist: Wir quetschen immer mehr Leistung und Ergebnisse in unseren Tag, stehen ständig unter Strom, schalten nie ab. »Arbeitsverdichtung« nennen Experten das. Klingt harmlos, ist es aber nicht. Schon weil die Arbeit längst auch unser Privatleben erreicht hat. »Lebensverdichtung« wäre ein passenderer Begriff. 84 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer sind erreichbar, nachdem sie das Büro verlassen haben.

Es mehren sich also die Zeichen, dass das emanzipatorische Potenzial des Digitalen im Alltag an seine Grenzen stößt. Die Hoffnung vieler Menschen, dass Technologie uns ein besseres Leben ermöglichen kann, weicht zusehends der Ernüchterung. Insofern ist die Digitale Erschöpfung, von der hier die Rede sein soll, eine doppelte. Gemeint ist sowohl die konkrete, individuelle Erschöpfung, die das Always-On des Digitalen in uns Menschen auslöst. Aber ebenso die abstrakte, begriffliche eines sich erschöpfenden Heilsversprechens.

Alltag und Beruf besser vereinbaren: Lifehacking und Getting-Things-Done

Zum Glück gibt es Auswege. Ben Hammersley beispielsweise, Technologieberater und Vortragsredner arbeitet nur an zwei Tagen pro Woche, verteidigt seine Freizeit eisern. Hammersley pflegt neben seiner digitalen To-do-Liste auch eine Not-to-do-Liste, also eine, auf der er überflüssige Zeitfresser notiert, die er künftig aus seinem Leben verbannen möchte. Sein zentraler Tipp, um so zu leben wie er: »Menschen sollten mehr Zeit damit verbringen, darüber nachzudenken, was genau ihre Arbeit ist. Und viel weniger Zeit mit der eigentlichen Arbeit.« Hammersley steht damit in der Tradition des sogenannten Lifehacking, einer weltweiten Bewegung, die Alltag und Beruf besser vereinbar und insgesamt weniger stressig machen will.

Hammersley sucht permanent nach Wegen, eine Sache nur einmal tun zu müssen. Wiederkehrende Aufgaben in ein System zu übertragen, sodass er nicht mehr über sie nachdenken müsse. »Ich habe zum Beispiel für Lebensmittel und Babysachen, die wir immer wieder kaufen, Abonnements auf Amazon eingerichtet, sodass sie in regelmäßigen Intervallen nach Hause geliefert werden. Dadurch erspare ich mir zwei Dinge: Ich muss nicht mehr selber einkaufen gehen, vor allem aber muss ich nicht mehr daran denken, was wann eingekauft werden müsste.«

Und so analysiert er ununterbrochen alle Aspekte seines Lebens, vor allem seines Arbeitslebens. Sobald er merkt, dass er Handlungen wiederholt, versucht er sie zu automatisieren. Hammersley ist – wie ich selbst übrigens auch – ein Fan der Getting-Things-Done-Methode (GTD) des Produktivitäts-Gurus David Allen. Diese liefert ein System, um die gesamte Kommunikation und alle Aufgaben so zu organisieren, dass man jede E-Mail und jedes Stück Papier nur einmal anfasst, dabei entweder direkt bearbeitet, löscht, auf Wiedervorlage legt oder archiviert. Ergebnis: Nichts geht mehr verloren, E-Mail-Friedhöfe entstehen gar nicht erst.

 

Ziel ist das, »Mind like water«, ein Begriff, aus dem Karate. Laut Allen ist das der Zustand, wenn man nicht mehr nachts aufwacht, weil einem plötzlich einfällt, dass für die Präsentation am nächsten Tag eine wichtige Zahl fehlt oder dass man vergessen hat, den Werkstatttermin fürs Auto zu vereinbaren. »Man sollte über Dinge nicht öfter nachdenken als unbedingt nötig«, sagt auch Hammersley. »Das wende ich nicht nur auf meine E-Mail-Inbox an, sondern auch auf Menschen. Ich versuche in all meinen Aktivitäten so rationell wie möglich zu sein. Das erfordert Disziplin. Aber wenn man es einmal verstanden hat und konsequent einsetzt, befreit es einen von all den langweiligen Aspekten der Arbeit.«

Vom Wunderlist-Gründer lernen Nein zusagen

Ein weiteres Positivbeispiel aus meinem Buch „Digitale Erschöpfung“ ist Benedikt Lehnert, der die weltweit enorm erfolgreichen Produktivitäts-Software Wunderlist mit ins Leben gerufen hat und heute für Microsoft in den USA als Director of Product Design arbeitet. Das macht diesen unaufgeregten jungen Deutschen zu einer der einflussreichsten Personen des weltweiten Technologiekonzerns. Zu einem Menschen, der unser künftiges Verhältnis zu Technologie und damit zueinander definieren wird wie kaum ein anderer.

Flexibilität bei der Arbeit sei in der Theorie positiv, sagt Lehnert. »aber ob sie funktioniert, hängt zu einhundert Prozent von meiner eigenen Disziplin ab. Egal, welche Tools wir haben, am Ende kommt es darauf an, wie mündig ich mich in dieser Welt bewege.« Ben hat das am eigenen Leib erlebt: Hat rund um die Uhr gearbeitet und ständig auf sein Handy gestarrt. War süchtig danach, E-Mails zu checken, Slack-Nachrichten und Chat-Apps. Es war nie ein Problem, abends um acht noch einen Telefontermin mit ihm auszumachen. Er hat sich – sagt er heute – komplett in einer Welt verrannt, die deutlich stressiger war als die alte, nicht produktiver, und die ihn im Endeffekt ausgelaugt hat. »Wenn man in seinem Job sehr engagiert ist, hat man diesen Drive, gibt die Arbeit einem auch viel zurück. Man trägt vielleicht Verantwortung, hat das positive Gefühl, etwas zu bewegen – da ist es leicht, dieser Versuchung nachzugeben.«Man vergesse dabei zu reflektieren: Was sind meine Prioritäten im Leben? »Dank meiner Frau gab es dann mehrere Momente des Innehaltens, in denen ich mich gefragt habe: Ist das jetzt gerade wirklich wichtig?«

Ben merkte, dass es so nicht weiterging, dass er etwas Grundlegendes ändern musste. Er fing an, hart dafür zu kämpfen, die Kontrolle über sein Leben zurückzugewinnen. Zu sagen: Ich möchte flexibel arbeiten! Aber gleichzeitig möchte ich nicht nur arbeiten! »Heute kenne ich meine Prioritäten«, sagt er: »Als Erstes die Familie, dann meine persönlichen beruflichen Ziele. Und dann der Job. Daraus resultiert, wie ich arbeite.« Theoretisch wusste er auch vorher schon, dass man nicht produktiver ist, wenn man 14 Stunden am Tag schuftet. Vor allem durch das Vatersein, sagt er, habe er nun auch ganz praktisch gelernt: »Ich bin deutlich effizienter, wenn ich vier Stunden konzentriert arbeite und danach etwas anderes mache – wobei sich mein Gehirn ja weiter mit den Arbeitsthemen beschäftigen kann. Aber die Zeit, in der ich aktiv arbeite, ist limitiert, und dadurch bin ich fokussierter.«

Sein Tipp: Prioritäten identifizieren und selbstbewusst durchsetzen. »Ich mache keinen Call nach fünf. Oder: Kein Meeting am Wochenende. Das ist für mich Zeit für die Familie, und wenn nicht die Hütte brennt, bin ich da nicht verfügbar.« Viele Kollegen, Vorgesetzte und Kunden hätten da erst mal gestutzt. Er hat es trotzdem durchgezogen und sagt heute, dass nur daraus echte Freiheit entstehe, weil man dem permanenten Ansturm von noch mehr Arbeit endlich Grenzen setze. »Der erste Moment ist komisch«, erinnert er sich: »Im Lauf der Zeit nehmen Menschen dich aber ernster, finden, dass du professioneller bist. Denn in der Zeit, in der du arbeitest, arbeitest du wirklich. Und in der Klarheit, Nein zu sagen, liegt auch eine Stärke, die gerade in Führungspositionen wichtig ist.«

Genauso wichtig sei es für Führungspersönlichkeiten, Mitarbeitern diese Disziplin und Philosophie beizubringen. »Am Ende werden sie produktiver und glücklicher sein. Als Unternehmen ziehe ich mir also eine effiziente und loyale Mitarbeiterschaft heran, die es schätzt, wertgeschätzt zu werden.« Ben weiß, dass all das erst einmal kontraintuitiv klingt, aber es sei am Ende viel effizienter.

Sein Modell heute sieht so aus: Extrem flexibel sein, wie und wo man arbeitet. Und gleichzeitig die Zeit limitieren, in der man arbeitet. Hat er ausnahmsweise doch mal eine längere abendliche Telefonkonferenz, nimmt er sich konsequent den Vormittag frei. »Ich glaube, das wird das Modell sein müssen, damit wir alle gesund aus dieser neuen Arbeitswelt rauskommen, aber trotzdem produktiv sind.«Denn das permanente Arbeiten ist für ihn sowieso nur die Illusion von Produktivität.

Über den Autor:
Markus Albers lebt als Autor, Berater und Unternehmer in Berlin. Seine Bücher „Meconomy“, „Rethinking Luxury“ und der Business-Bestseller „Morgen komm ich später rein“ wurden vielfach besprochen und in fünf Sprachen übersetzt. Dieser Text ist ein überarbeiteter Auszug aus seinem aktuellen Buch „Digitale Erschöpfung“ (Hanser).

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Posted on 08-21-2018


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