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February 7, 2018 /Adobe Acrobat DC /

Barrierefreie PDF Dokumente – Was braucht es im Detail? Teil 2 (von 3)

Barrierefreiheit im öffentlichen Raum verbinden wir alle mit abgesenkten Bürgersteigen oder akustischen Signalen an Ampeln. Wie aber ist Barrierefreiheit bei elektronischen Dokumenten sicherzustellen? Und welche Eigenschaften müssen speziell PDF-Dokumente aufweisen? Bereits in der ersten Folge dieser Artikelreihe haben wir den PDF/UA- Standard erläutert. Im sogenannten Matterhorn-Protokoll werden sämtliche Kriterien definiert, welche für die Einhaltung des Standards erfüllt sein müssen. Die Wichtigsten davon stellen wir in diesem Teil vor.

Der erste Schritt: die Anforderungen kennen!
Bereits im ersten Teil dieser Artikelserie haben wir das Matterhorn-Protokoll als Kriterienkatalog für barrierefreie PDF-Dokumente vorgestellt. Dieses Dokument listet in mehr als über 100 Einzelkriterien die erforderlichen Prüfpunkte für eine 100-%ige Konformität zum Standard. Dieser Blogbeitrag hat nicht den Anspruch der vollständigen Erläuterung, sondern dient vielmehr der Sensibilisierung von Anwendern, welche z.B. mit den Werkzeugen der Adobe Creative Cloud vor der Herausforderung stehen, barrierefreie PDFs zu erzeugen, oder zumindest die Quelldokumente in InDesign optimal vorzubereiten. Besonderes Augenmerk kann dabei auf diejenigen Eigenschaften gelegt werden, welche automatisierbar überprüft werden können (Details zur Prüfung der Dokumente im nächsten Teil dieser Artikelserie).
Die wesentlichen Bedingungen von Barrierefreiheit sind:

  • Metadatenindexierung (Dokumenttitel etc.)
  • Eindeutige, sequentielle Gliederung aller Inhalte in logischer Lesereihenfolge
  • Klassifizierung sämtlicher Inhaltselemente als Artefakt oder Bedeutungsträger
  • Auszeichnung mit semantischen Tags nach dediziertem Rollenschema
  • Sprachauszeichnung aller Inhaltselemente
  • Alternative Textbeschreibungen für grafische Inhalte

Metadaten als Schlüssel zum Inhalt
Aus „IT-Sicht“ sind die grundlegenden Aspekte von Barrierefreiheit Zugänglichkeit, Usability und Robustheit. Übertragen auf Dokumente bedeutet das in erster Linie, die Dokumente auffindbar zu machen – also das Öffnen ohne Passwort zu ermöglichen und ein Mindestsatz an Metadaten zu hinterlegen. Konkret muss bei PDF-Dokumenten der lesende Zugriff gewährleistet sein. Während das Ändern oder das Drucken durchaus passwortgeschützt sein darf, muss die Eigenschaft „Kopieren von Inhalt für Barrierefreiheit“ zwingend auf „Zulässig“ gesetzt sein (s. Abb.).

Bedingung für Barrierefreiheit: der Zugriff auf Inhalte
muss in den Sicherheitseinstellungen des Dokuments erlaubt sein.

Die Metadaten von PDF-Dokumenten sind in den Dokumenteigenschaften hinterlegt. Die PDF/UA-Norm verlangt hier zwingend einen Eintrag im Feld „Titel“. Empfehlenswert sind zusätzlich Einträge in den Feldern „Verfasser“ und „Thema“. Zusätzlich können Stichwörter hinterlegt werden. Als Trennzeichen sollte das Semikolon verwendet werden. Alle Metadatenfelder werden übrigens von den Suchmaschinen ausgewertet und führen daher zu einem besseren Ranking in den Trefferlisten. Die bessere Auffindbarkeit barrierefreier Dokumente stellt somit einen ersten, wesentlichen Mehrwert für alle Benutzer dar!

Das Menü „Dokumenteigenschaften“ kann in Adobe Acrobat
(unter Datei > Eigenschaften) editiert werden.

Lesezeichen zur Navigation
Die Gliederung langer Dokumente durch Überschriften dient im Wesentlichen zur sinnvollen Benutzerführung. In PDF Dokumenten mit mehr als 3 Seiten sollten alle Überschriften zusätzlich als Lesezeichen enthalten sein, um dem Benutzer eine einfache Navigation durch das Dokument ermöglichen. Acrobat Acrobat bietet über das Kontextmenü im Lesezeichenfenster optional die automatische Übernahme der Lesezeichen aus der Tagstruktur an (s. Abb.)

Der Befehl „Neue Lesezeichen aus Struktur …“ ermöglicht die
effiziente Erstellung von Lesezeichen gemäß Tagstruktur.

Tagstruktur für Maschinenlesbarkeit
Für elektronische Dokumente bedeutet Barrierefreiheit, Inhalte für Maschinen zugänglich zu machen. Blinde Personen und Menschen mit Sehbehinderungen nutzen Programme für synthetische Sprachausgabe, sogenannte Screen Reader. Diese Assistenten „übersetzen“ Dokumentinhalte in gesprochene, natürliche Sprache. Um eine korrekte Wiedergabe durch eine Maschine sicherzustellen, müssen also sämtliche Dokumentinhalte mit einer eindeutigen „Auszeichnung“ und in einer eindeutigen Reihenfolge kodiert sein. Ähnlich zur Universalsprache des Web, HTML, werden im barrierefreien PDF alle Inhalte zusätzlich zur Darstellung auf der Seite in sogenannten Tags strukturiert (daher auch der häufig verwendete Begriff „Tagged PDF“). Sichtbar wird diese Information in Adobe Acrobat durch Einblenden der Navigationsleiste „Tags“ (Menü: Anzeige > Ein-/Ausblenden > Navigationsfenster > Tags). Unterschieden werden dabei Container-Tags (etwa für Dokument, Abschnitt oder Kapitel), Absatzelemente (wie Überschriften, Absätze oder Listeneinträge) sowie Blockelemente (wie Tabellen und Listen). Der Zusammenhang von Tags und Seitenelementen wird in Adobe Acrobat mittels blauer Rahmen für aktivierte Tags dargestellt, vorausgesetzt die Funktion „Inhalt markieren“ ist im Tagfenster aktiviert (s.a. Abb.). Umgekehrt kann ein Tag, welcher den aktuell auf der Seite markierten Text enthält, direkt über das Kontextmenü „Tag in Auswahl markieren“ angesprungen werden.

Die Funktion „Inhalt markieren“ im Kontextmenü des Tagfensters
visualisiert den Zusammenhang zwischen Tagstruktur und Seitenelementen.

Die Reihenfolge der Tags sollte dem logischen Lesefluss entsprechen. Das ist zunächst einmal die Seitenabfolge des Dokuments. Innerhalb jeder einzelnen Seite müssen zusätzlich alle Elemente in linearer Abfolge angeordnet sein. Diese Anforderung kann bei Printpublikationen mit komplexen Seitenlayouts wie bspw. Broschüren und Flyern durchaus komplex sein. (s.a. Abb.).

Die logische Lesereihenfolge der Tags in Druckprodukten
wie Leporellos entspricht oftmals nicht der grafischen Anordnung auf der Seite.

Alle Tags sind in Kategorien gegliedert. Die wesentlichen Elemente sind Textabsätze, Überschriften (in bis zu sechs Ebenen), Listenabsätze, Tabellen und Abbildungen.

Die Benennung der Tags ist dabei grundsätzlich frei. Die korrekte Interpretation durch assistive Systeme erfolgt über die zugewiesenen Tagrollen. Für eine sichere Interpretation empfiehlt sich allerdings die Verwendung des standardisierten Tagnamensets nach PDF-Norm (ISO 3200-1, Abschnitt 14.8.4 Standard Structure Types). Weiterverarbeitende Systeme verwenden dieses Schema für eine sinnvolle User-Assistance, wie bspw. der dynamischen Erzeugung eines Inhaltsverzeichnisses‘ aus den Überschriftentags.

Führende Layoutprogramme und Textverarbeitungen mit automatischer Tagausgabe erzeugen standardkonforme Tagnamen, vorausgesetzt die Dokumentstruktur ist über den Absatzformatkatalog korrekt zugewiesen (mehr dazu in der nächsten Ausgabe dieses Blogs).

Simulation des Reflow
Zur visuellen Kontrolle der Dokumentstruktur bietet Adobe Acrobat mit dem „Umfließen-Modus“ ein Feature für eine adaptive Darstellung der Dokumentinhalte an die Bildschirmgröße an. Nach dessen Aktivierung (Anzeige > Zoom(!) > Umfließen) werden die Dokumentinhalte nach einer von der Tagreihenfolge unabhängigen Gliederungsstruktur an die aktuelle Fenstergröße angepasst und in einem Reflowmodus angezeigt. Da sich Screenreader jedoch an der davon unabhängigen Tagreihenfolge orientieren, ist diese Eigenschaft nicht als Prüfkriterium für Barrierefreiheit nach PDF/UA-Norm relevant!

Korrekte Aussprache ist alles
Die Natürlichkeit synthetischer Sprachausgabe ist heute auf einem sehr hohen Niveau. Ein deutscher Text jedoch, beispielsweise mit einer englischen Stimme ausgegeben ist nahezu unverständlich. Daher müssen alle Tags eindeutig einer natürlichen Sprache zugeordnet sein. Diese Zuordnung wird pauschal auf Dokumentebene vergeben. Zusätzlich müssen fremdsprachliche Einschübe mit abweichenden Sprachauszeichnungen markiert werden. Das kann auf Abschnitts-, Absatz- oder auch Wortebene geschehen. Für einen eigenen Eindruck von Sprachausgabe empfiehlt sich das testweise „vorlesen lassen“ von PDF-Dokumenten mit der integrierten, kostenlosen Text-to-speech Funktion in Adobe Reader oder Acrobat (Anzeige > Sprachausgabe > Sprachausgabe aktivieren).

Von „Artefakten“ und „sprechenden Bildern“
Rein ornamentale grafische Elemente (z.B. Schmucklinien oder technische Raster) werden genauso wie semantisch nicht relevante Inhalte (z.B. Kopf- und Fußzeilen oder Seitenzahlen) als Artefakte ausgezeichnet und werden somit von der Sprachausgabe nicht vorgelesen.

Alle anderen grafischen Elemente müssen von Autor mit alternativen Bildbeschreibungen versehen werden. Wichtig dabei aus Sicht des Gleichstellungsanspruchs von Barrierefreiheit ist der Aspekt der reinen Bildbeschreibung und nicht deren Interpretation. Dem Benutzer mit eingeschränkter Sehfähigkeit – das können situationsabhängig durchaus auch sehende Benutzer ohne Bildschirm sein – sollte also keine Information vorenthalten werden. Genauso sollte allerdings auch keine Zusatzinformation in Bildbeschreibungen enthalten sein. Erläuterungen und Hintergrundinformationen sind also nicht Bestandteil von Alternativtexten. Die einfache Übernahme erläuternder Bildunterschriften („Caption-Tags“) als Alternativtext ist in den meisten Fällen nicht zielführend. Die Aufgabe der Erstellung von Alternativtexten ist eine der größten Herausforderungen bei der Erstellung barrierefreier Dokumente. Als Faustregel gilt: „So wenig, wie möglich, aber so viel, wie nötig“.

Fazit

Inhalte elektronischer Dokumente müssen zur Wiedergabe durch Assistive Technologien maschinenlesbar aufbereitet sein. Die Anforderungen sind hoch und erfordern teilweise erhebliche Aufwände. Das jedoch nur dann der Fall, wenn Barrierefreiheit als nachträgliche Anforderung in ein „unstrukturiertes Dokument“ eingearbeitet werden soll.
Die Nächste und letzte Folge dieser Artikelserie wird zeigen, wie fast alle der hier genannten Anforderungen bereits bei der Erstellung der Dokumente aus Word oder InDesign mit überschaubaren Aufwänden erfüllt und unter Nutzung von Adobe Acrobat überprüft werden können. Stay tuned …

Adobe Acrobat DC

Kommentare

  • By Darius-Nikolaus Krupinski - 5:14 AM on February 8, 2018   Reply

    In dem Artikel findet sich unter der Überschrift “Simulation des Reflow” der Hinweis auf Screenreader und die Tag-Struktur. Allerdings kann der “Reflow”-/”Umfließen”-Modus auch von Sehbehinderten genutzt werden, um Inhalte an Ihre Bedürfnisse anzupassen, ohne das der Einsatz eines horizontalen Scrollbalkens notwendig wäre. Auch in den Adobe Acrobat Reader Apps (für iOS und Android) gibt es eine Funktion namens “Lesemodus”, die ähnlichs leistet.
    Ich finde die Betrachtung der Barrierefreiheit nur unter der Berücksichtigung einer Behindertengruppe ein wenig einseitig.
    Wäre es nicht eine Super-Nachricht von Adobe an die Sehbehinderten, wenn dieser Modus sich in allen (aktuellen) Programmen und auf allen Platformen gleich verhalten würde und dadurch einen großen Mehrwert nicht nur für sehbehinderte Nutzerinnen und Nutzer sondern für alle bieten würde?
    Andernfalls benötigt man wieder für jede Plattform ein eigenes Tool, welches bisher nur sehr stiefmütterlich oder gar nicht mit Updates versorgt wird, man denke nur an den VIP-Reader, der seit Jahren kein Update erfahren hat und ausschließlich für Windows verfügbar ist.

    • By Adobe Document Cloud Blog-Team - 11:21 AM on February 13, 2018   Reply

      Hallo Herr Krupinski,

      vielen Dank für Ihren Kommentar und das damit verbundene Interesse. Das Thema (PDF & mobile Endgeräte) ist bereits bekannt und Adobe arbeitet auch an einer Lösung. Wenn Sie mögen, stellen wir jedoch gerne einen Kontakt zu den Produkt-Verantwortlichen bei Adobe her. Dürfen wir hierzu Ihre E-Mail Adresse weiterleiten?

      Beste Grüße
      Das Adobe Document Cloud Blog-Team

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