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November 23, 2017 /Events /Insights /

Experten-Interview: Auswirkungen neuer Technologien auf die Arbeitswelt

Am 30.11.2017 findet in Berlin die Work Awesome Konferenz zur Zukunft der Arbeit statt. Adobe unterstützt die Veranstaltung, die auf www.workawesome.de auch im Livestream zu sehen sein wird. Lars Trieloff, Principal bei Adobe und Experte für künstliche Intelligenz wird auf der Bühne die Auswirkungen neuer Technologien auf die Arbeitswelt diskutieren. Hier stellt er sich vorab einigen Fragen von Lars Gaede, dem Mitgründer und Kurator von Work Awesome.

Lars, es gibt viele Diskussionen über die Fortschritte und Potenziale im Bereich der künstlichen Intelligenz. Mal ehrlich: Ist dieser Hype berechtigt? Was können künstlich intelligente Systeme denn heute, was sie bis vor kurzem noch nicht konnten?
Aus meiner Sicht ist der Hype absolut berechtigt. Die Fortschritte, die wir in der letzten Zeit im Feld der künstlichen Intelligenz und bei möglichen Anwendungsgebieten dieser Technologie sehen, sind groß. Sie werden zukünftig enormen Einfluss auf unser Leben, unsere Arbeit, und sogar unser Denken haben.

Warum genau? Was sind die entscheidenden Treiber dieses Fortschritts?
Erstens: KI wird schlicht immer besser und leistungsfähiger. Mit jeder Verbesserung ergeben sich wieder neue Anwendungsbereiche. Zweitens: KI wird immer kostengünstiger. Früher war das Entwickeln künstlich intelligenter Systeme und Anwendungen großen Firmen und Universitäten vorbehalten. Heute, mit frei verfügbaren KI-Bibliotheken und -Algorithmen, mit Software in der Cloud und mit immer größeren Datensätzen kann so gut wie jedermann KI entwickeln. Drittens sind kleine, günstige, stromsparende Computer nicht länger nur in Smartphones zu finden, sondern in immer mehr anderen smarten, vernetzten Maschinen und Geräten: Autos, Waschmaschinen, Lampen zum Beispiel und sogar in Zahnbürsten. Das bedeutet, dass auch KI mehr und mehr eingesetzt werden kann, wodurch die Technologie wieder besser wird, weil sie Zugriff auf noch mehr Daten bekommen kann.

Teilweise arbeiten künstlich intelligente Systeme wie eine Black Box. Wir Menschen können zum Beispiel nicht immer nachvollziehen, wie genau neuronale Netze lernen und auf ihre Ergebnisse kommen. Sie tun es eben. Ist das nicht problematisch?
Ja, aber kein universelles und kein unlösbares Problem. Das Problem der Intransparenz vieler maschineller Entscheidungen ist ein Problem der Komplexität. Die Entscheidung wurde ja nicht von einer echten Black Box getroffen, die Herleitung der Lösung ist lediglich von Menschen nicht zu verstehen. Das ist ein Problem, wenn wir mit Entscheidungen nicht einverstanden sind und sie anfechten wollen. Warum Netflix mir eine bestimmte Serie empfiehlt, ist mir relativ egal, aber wenn meine Bank mir den Kredit verweigert, verlange ich eine Erklärung. In beiden Fällen haben die Entwickler von Algorithmen also ein Interesse an einer gewissen Nachvollziehbarkeit und einer Audit-Möglichkeit für den User. Netflix, weil es weiß, dass nachvollziehbare Empfehlungen effektiver sind, und die Bank, weil sie nicht wegen Diskriminierung verklagt werden möchte. So ein Audit sollte man im Aggregat durchführen, um zu überprüfen, ob der Algorithmus selbst ein Bias hat. Das ist ein wichtiger Schritt der Qualitätssicherung und etwas, das zu den Best Practices in der KI-Entwicklung gehört.

Hat Adobe ein Gegenmodell?
Für die Erklärbarkeit der Einzelentscheidung hat Adobe einen Algorithmus entwickelt, der auf Basis einer Deep Learning-“Black Box” eine äquivalente White-Box aus Decision Trees ableiten kann. Damit hat man ein Modell, welches transparent und so besser erklärbar ist. Ähnliche Entwicklungen gibt es mittlerweile in vielen Firmen, daher erwarte ich, dass das Black Box-Problem temporär sein wird.

Vielen Menschen macht an der KI ja noch etwas anderes Sorge: Sie befürchten, dass dank dieser Technologie immer mehr Jobs automatisiert werden können. Welche Tätigkeiten, die bisher nur von Menschen erledigt werden können, können zukünftig von Maschinen übernommen werden?
Unsere traditionelle Denkweise ist: Maschinen müssen von Menschen bedient werden. Menschen sind gut darin, sich die Regeln auszudenken, nach denen Maschinen zu agieren haben. Maschinen sind gut darin den menschlichen Befehlen zu befolgen. Doch diese Denkweise gilt nicht mehr. Künstlich intelligente Computer sind plötzlich selbst gut darin, sinnvolle Regeln aufzustellen. Das bedeutet: Maschinen bedienen sich zunehmend selbst, sie werden autonom. Und manchmal bedeutet das sogar, dass wir als Menschen nun Anweisungen von Maschinen entgegennehmen. Daraus ergeben sich völlig neue Einsatzmöglichkeiten für smarte Systeme und ganz neue Formen der Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Natürlich wird das einen großen Einfluss haben auf zukünftige Berufsbilder.

Kannst du das konkretisieren? Welche Tätigkeiten werden für Menschen zukünftig eher wegfallen, welche werden sich verändern, welche neuen werden entstehen? Und können die neu entstehenden Jobs die wegfallenden ersetzen?
Die Veränderung unserer Arbeit und unseres Lebens wird schleichend sein, und in vielen Fällen fast unbemerkt. Das Bild vom Kollegen Roboter, der von einem Tag auf den nächsten plötzlich auf deinem Arbeitsplatz sitzt, ist falsch. Stattdessen wird ein Software-Update dir fünf Sekunden Zeit sparen bei einer Aufgabe, die du drei Mal pro Stunde machst. Die zwei Minuten Zeit, die Du so pro Tag sparst, wirst Du nutzen, um etwas länger an einer Formulierung zu arbeiten, um einen Artikel zu lesen, der dich auf eine geniale Idee bringt, oder einfach, um einem Tagtraum nachzuhängen. Die Arbeit wird uns also nicht ausgehen, aber die Routine, die vielleicht schon.

Du hast gerade schon die neuen Interaktionen zwischen Menschen und Maschinen angesprochen. Wie werden wir denn zukünftig mit Maschinen zusammenarbeiten?
Heute ist die meiste Interaktion visuell und einseitig. Ich drücke als Mensch Knöpfe oder streiche auf Glasflächen herum und die Maschine zeigt mir dann etwas an. Aber wir können heute schon sehen, wie der Überall-Faktor der neuen intelligenten Maschinen zukünftig zum Tragen kommt: Die Maschinen fangen an zuzuhören, und sogar etwas zu verstehen – Beispiel Alexa. Die Maschinen werden nicht nur angetippt, sondern tippen auch zurück, wie die Apple Watch. Die Maschinen messen unsere Temperaturen und stellen die Heizung an oder sie interpretieren unsere Gesichtsausdrücke beim Autofahren und erkennen, ob wir müde sind. In Zukunft hat jede Körperäußerung das Potential, von einer Maschine zur Interaktion genutzt zu werden: Haltung, Herzfrequenz, sogar Mundgeruch.

Das heißt, die Maschinen bekommen immer mehr Skills, auf die sie zurückgreifen können. Welche Skills werden wir Menschen zukünftig brauchen, um in der neuen Arbeitswelt zu bestehen?
Wenn Computer immer wichtiger werden, kann man natürlich zu dem Schluss kommen, dass man in Zukunft programmieren können muss, um in der Arbeitswelt zu bestehen. Das ist aber ein Trugschluss. Und dass ausgerechnet (ehemalige) Programmierer wie Mark Zuckerberg dem Trugschluss aufsitzen, macht ihn nicht besser. Ein Viertel aller Jobs in Deutschland hängen an der Automobilindustrie. Heißt dass, dass ein Viertel der Deutschen KFZ- Mechaniker sein müssen? Natürlich nicht. Die Skills, die in Zukunft am wertvollsten sein werden, sind diejenigen, die sich selbst mit unbegrenzter Rechenleistung nicht durch Maschinen ersetzen lassen.

Zum Beispiel?
Erstens: Mit Menschen umgehen, sie pflegen, erziehen, überzeugen. Zweitens: Mit Veränderungen klarkommen: Computer sind zwar schneller, billiger, und bei bekannten Aufgabenstellungen oft auch besser als Menschen, aber bei neuen Problemstellungen komplett nutzlos. Und drittens sollten wir Möglichkeiten der Technik kreativ nutzen: der Schritt von der ersten Feuerstelle zur ersten Höhlenmalerei mit Kohle-Ruß oder zur ersten Gruselgeschichte war nur klein. Ich glaube, man kann daran erkennen, dass zwei Dinge zeitlos sind: menschliche Kreativität und menschlicher Unterhaltungstrieb.

Wie sollte sich die Gesellschaft auf den technologischen Wandel einstellen? Ist zum Beispiel unser Bildungssystem den neuen Anforderungen gewachsen?
Ein Bildungssystem, welches dem Ideal des Menschen als Maschine nachhängt, das stur Wissen wiedergibt und Regeln befolgt, war im Grunde ja schon im letzten Jahrhundert veraltet, als es Wissen aus Datenbanken und Regelbefolgung von MS-DOS Programmen gab. Bildung für den Wandel muss heißen, Kommunikation, Erfindungsgeist und Kreativität zu ermöglichen. Da gibt es noch viel zu tun.

Wenn ihr Lust habt, mehr zu erfahren und mit Lars Trieloff und vielen weiteren spannenden Experten zu diskutieren: Unter www.workawesome.de gibt es noch wenige Karten für die Konferenz.


Lars Trieloff
Principal Platform Marketing, Adobe

Lars Trieloff ist Principal Platform Marketing bei Adobe. In seiner Funktion beschäftigt sich der Softwareentwickler mit dem Thema künstliche Intelligenz und arbeitet an der Schnittstelle von Softwareentwicklung, Produktmanagement, Design und Marketing. Nach dem Masterabschluss seines Software-Engineering-Studiums 2005 am Hasso-Plattner-Institut der Universität Potsdam war Trieloff unter anderem für SAP und Mindquarry tätig, bevor er 2010 zu Adobe Systems Engineering nach Berlin wechselte.

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