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June 23, 2017 /Events /Insights /

Wir sollten einen eigenen Wirtschaftssektor aufbauen, der ethischen und demokratischen Prinzipien folgt

In Zukunft werden die meisten von uns als Crowdworker arbeiten, einige nur wenig – als Hobby oder als Lernprojekt – die anderen mehr: als Beitrag zum Lebensunterhalt. Traditionelle Firmen werden wohl mittelfristig weiterbestehen. Aber auch hier werden die Mitarbeiter eher über Plattformen agieren, die unternehmensweit ausgelegt sind und mit der Umwelt verbunden werden. Auf diesen Plattformen werden durchaus auch Prinzipien des Crowdworkings übernommen und halten so Einzug in die hierarchische Unternehmung: Selbststeuerung, Selbstidentifikation für Aufgaben, Transparenz, Kollaboration.

Das Arbeiten in der Crowd startete ja eher als eine Flucht aus dem Kapitalismus und seiner Verwertungslogik. Programmierer trafen sich nach 17 Uhr auf eigens gegründeten Plattformen, um endlich die Projekte durchzuführen, die ihnen Spaß machen. Und sie stellten ihre Arbeit unentgeltlich zur Verfügung: Wikipedia, Linux, Mozilla und so weiter. Als Firmen bemerkten, welche Produktivität und Innovationskraft ihre Mitarbeiter außerhalb ihrer Unternehmensgrenzen an den Tag legten, versuchten sie diesen „Kognitiven Surplus“ wieder zu reintegrieren.

Wir haben es hier mit einer fortschreitenden Ökonomisierung bzw. Monetarisierung der ursprünglichen Share Economy zu tun. Viele positive Aspekte sind geblieben, wenngleich in abgeschwächter Schattierung, wie etwa die Selbststeuerung und Transparenz. Allerdings steigen die Asymmetrien auf diesen Plattformen und die Machtkonzentration nimmt wieder zu. Die ursprüngliche Crowd-Plattform wird zum Unternehmen bzw. das Unternehmen zur Plattform.

Obwohl die Rolle des einzelnen Menschen beim Crowdworking eher in den Hintergrund rückt, bemerken wir bei unseren Umfragen dennoch, dass selbst in seiner nunmehr ökonomisierten Form, Crowdworking vielen Menschen Spaß macht. Sie können offensichtlich Dinge tun, die die Hierarchie nicht erlaubt, was wiederum einiges über unser herkömmliches Arbeitsumfeld aussagt.

Blickt man nach vorne, so erkennt man, dass viele Plattformen Proto-Organisationen der völlig automatisierten Firma sind. Der Mensch wird hier als Surrogat noch solange gebraucht, bis die Künstliche Intelligenz seine Aufgaben übernehmen kann. Die menschliche Arbeitskraft wird auf diesen Plattformen unterteilt, modularisiert und durch Algorithmen gesteuert. Im nächsten Schritt können diese Arbeitspakete dann von Maschinen übernommen werden: Beispiel Uber: Hier wird der Mensch solange fahren, bis die Autos selbststeuern können.

Wir müssen uns jetzt dringend die Frage stellen, wie wir als Gesellschaft diese Veränderungen gestalten wollen. Momentan ist die fortschreitende Automatisierung an keinerlei politischen Prozess angeschlossen. Was, wie automatisiert wird, welche Algorithmen die Systeme verwenden, welche ethischen Grundsätze Roboter eingebaut bekommen, darüber gibt es keine öffentliche oder halböffentliche Diskussion. Die Politik hält sich hier völlig fern. 1949 schrieb der Gründer der Kybernetik, Norbert Wiener, einen Brief an den damaligen Vorsitzenden der Transportgewerkschaft, um ihn zu warnen, dass seine Erfindungen gravierende Auswirkungen für die Arbeitnehmer haben werden. Es kam dann auch zu einem Gespräch, das aber folgenlos blieb. Gewerkschaften haben seitdem immer wieder vergeblich versucht, Technologie zu regulieren.

© Norman Posselt · www.normanposselt.com

Mein Vorschlag: Alle Kräfte bündeln und einen eigenen Wirtschaftssektor aufbauen, der ethischen und demokratischen Prinzipien folgt. Uber als Genossenschaft etwa. Der Staat könnte ja fordern, dass die entstehenden Mobilitätsplattformen auch genossenschaftliche Aspekte integrieren. Aber ich sehe hier bisher nur sehr wenige Initiativen.

Im Rahmen des Think Tanks in Berlin haben wir mit Prof. Dr. Dr. Ayad Al-Ani gesprochen und ihn gefragt, wie er sich die Zukunft der Arbeit vorstellt. Im Video beschreibt er dir seine Gedanken über die möglichen Folgen der Automatisierung und welche Rolle das Thema Grundeinkommen dabei spielt.

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