Der Spagat zwischen Standardisierung und Individualisierung

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Was ist eigentlich Arbeit? Für die Menschen im Mittelalter bedeutete der Begriff wörtlich „Mühsal“ oder „Plage“, für den Aufklärer Jean-Jacques Rousseau war Arbeit ein „Naturrecht“ und für Kant „sittliche Pflicht“. Marx formulierte das Konzept der entfremdeten Arbeit, die das Privateigentum der Kapitalistenklasse vermehrt. Der Artikel 23 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verbrieft das „Recht auf Arbeit“. Aber jetzt mehren sich die Stimmen, die, wie Jeremy Rifkin, vor dem „Ende der Arbeit“ warnen oder sich, wie die Verfechter des New Work-Gedankens, darauf freuen.

Fakt ist: Die Digitalisierung verändert, das, was wir unter Arbeit verstehen und die Bedingungen, unter denen wir sie verrichten, radikal. Als Unternehmen müssen wir uns fragen: Wo wollen wir hin mit unserer Arbeit? Wenn unsere Produkte und unsere Prozesse digital sind, dann muss auch die Arbeit digital werden. Wenn wir unser Frontend strikt nach den Bedürfnissen unserer Kunden ausrichten, so bedeutet das, dass wir unser Backend simplifizieren, standardisieren und automatisieren müssen. Gleichzeitig müssen wir uns mehr denn je fragen, wo und wie wir die Menschen mit ihren Leidenschaften, ihrer Motivation, ihren Beziehungen am besten einsetzen. Es ist nicht mehr der Job-Titel wichtig, sondern die Rolle des einzelnen Mitarbeiters in der Wertschöpfung des Unternehmens. Und last but not least, wie wir die Schnittstelle zwischen beiden Welten optimal gestalten.

Beim Thema Arbeit 4.0 geht es immer auch darum, die Ambiguität zwischen Standardisierung einerseits- und Individualisierung andererseits zu managen. Ein digitales (Arbeits-)Leben bedeutet nicht, wie ein Roboter zu arbeiten. Es bedeutet meiner Ansicht nach auch nicht, dass wir bald Roboter als Kollegen bekommen. Im besten Fall bedeutet Arbeit 4.0 mehr Freiraum für die menschliche Arbeit und mehr Zeit für Kreativität, weil unliebsame Routineaufgaben abgenommen werden. Und im allerbesten Fall bedeutet es, dass in Zukunft alles, was nicht digitalisiert werden kann, umso wertvoller wird: Beispielsweise Kreativität, Sozialverhalten, Leidenschaft: Wesentlich ist und bleibt der Mensch, der Initiative ergreift, Beziehungen aufbaut und Empathie empfindet. Menschen – nicht Roboter oder Algorithmen – formen den Teamgeist

Bei der Gestaltung der Arbeit 4.0 können wir uns kaum mehr auf Erfahrungswerte aus der analogen Welt verlassen. Wir können nur versuchen, die richtigen Fragen zu stellen. Denn die digitale Zukunft ist keine lineare Fortschreibung der Vergangenheit. Es geht nicht mehr darum, zu reagieren, sondern zu agieren, um etwas Neues aufzubauen. Und in diesem Zusammenhang muss sich auch die Rolle von Führung radikal verändern.

Wenn wir Wissen digitalisieren und dadurch transparent machen, merken Mitarbeiter schnell, dass sie genauso viel oder sogar mehr wissen, als der eigene Chef. Wenn sie gleichzeitig wahrnehmen, dass der sich auf einen Erfahrungshintergrund stützt, der für das Neue, das Digitale, das da kommt, gar nicht relevant ist, dann verlieren sie zurecht das Vertrauen in die eigene Führung. Bei Telefonica haben wir deshalb ein Digital Leadership Model entwickelt, das neben technologischer Erfahrung und Wissen auch transformative Kompetenzen und Lernagilität in den Mittelpunkt stellt.

Arbeit 4.0 macht Führung keineswegs überflüssig, aber sie stellt komplett neue Ansprüche an Führungskräfte. Führen über Macht, Herrschaftswissen und Hierarchie ist im digitalen Zeitalter definitiv ein Auslaufmodell. Digitale Technik berechnet, vergleicht und bewertet. Sie macht Führung überflüssig, die sich auf das Vorgeben von Leistungsanforderungen konzentriert. Führung muss sich jetzt auf die Tugenden der Menschenführung (rück-)besinnen. Hier geht es – mehr denn je – um Dinge wie zuhören, motivieren, moderieren und zusammenbringen. Sie muss dafür sorgen, dass Mitarbeiter ihre Ideen frei entfalten können – und dabei auch Fehler machen dürfen. Und vor allem muss sie sicherstellen, dass auch in der digitalen Arbeitswelt der Mensch im Mittelpunkt steht.

Hier können Sie den Hin Tank Live-Stream noch einmal ansehen.


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Posted on 07-18-2017


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